Chaos um Fake-Accounts: Twitter setzt Vergabe von blauen Haken aus

Werbekunden bleiben der Plattform fern und ein Pharmakonzern verlor Milliarden: Twitter versucht die Flut anarchischer Fake-Profile zu bändigen.

Nach seinem Twitter-Kauf versucht Elon Musk, die chaotischen Zustände auf der Plattform unter Kontrolle zu bringen.
Nach seinem Twitter-Kauf versucht Elon Musk, die chaotischen Zustände auf der Plattform unter Kontrolle zu bringen.dpa/Adrien Fillon

Twitter hat das vor kurzem eingeführte Abo-Modell zum Kauf der blauen Verifizierungs-Haken vorübergehend abgeschafft. Ende kommender Woche soll die Funktion jedoch voraussichtlich wieder zugänglich sein, wie der neue Chef des kriselnden Unternehmens, Elon Musk, am Samstag mitteilte. Nachdem der US-Milliardär den kostenpflichtiges blauen Haken – einst Echtheitszertifikat für Prominente und Unternehmen – am vergangenen Mittwoch für acht Dollar im Monat freigegeben hatte, sorgten zahlreiche verifizierte Fake-Accounts für Chaos im Netz.

Bisher wurden die blauen Haken lediglich bekannten Personen, Politikern und Unternehmen nach einer Identitätsprüfung durch die Plattform gewährt. Seit zwei Wochen bekommt das Häkchen jeder, der dafür monatlich bezahlt, und zwar ganz ohne Prüfung. Ob man es nun mit einem früheren, tatsächlich verifizierten Account oder mit einem gekauften Häkchen zu tun hat, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Neben verschiedenen Promis wurden so auch einige Unternehmen von Netz-Satirikern imitiert und mussten infolge dessen teils Milliardenverluste hinnehmen.

Pharmakonzern macht Milliardenverluste wegen Fake-Tweets

Als besonders verheerend entpuppte sich die Twitter-Neuerung für den Pharmakonzern Eli Lilly. Das Unternehmen vertreibt in den USA das für Diabetiker lebenswichtige Insulin. Während dieses in Deutschland von den Krankenkassen übernommen wird, liegen die Kosten auf dem stark privatisierten US-Markt bei einem Vielfachen und müssen oft von Privatpersonen selbst getragen werden. Eli Lilly wurde für den teuren Verkauf des Medikaments vielfach kritisiert.

Nun verkündete ein Parodie-Account: „Wir freuen uns mitteilen zu können, dass Insulin ab jetzt kostenlos ist.“ Nach einer Entschuldigung des (echten) Konzern-Sprechers rutschte der Börsenkurs des Unternehmens zeitweise um rund 5 Prozent ab – für den Pharmariesen ein Schaden in Milliardenhöhe.

Noch absurder war die Ankündigung eines verifizierten Profils, das im Namen des bekannten Bananenexporteurs Chiquita mitteilte, soeben die brasilianische Regierung gestürzt zu haben. Später folgte eine vermeintliche Richtigstellung. Man entschuldige sich für den gefälschten Tweet. Einen Staatsstreich habe man schon seit 1954 nicht mehr unternommen.

Tesla-Chef Musk hatte Twitter nach einem langwierigen Gerichtsverfahren vor zwei Wochen doch noch für rund 44 Milliarden Dollar gekauft und sogleich einen großen Teil der Belegschaft entlassen. Angesichts der vielfachen Krisen rund um den Kurznachrichtendienst befindet sich Musk derzeit in einem Dauer-Stresstest. Seiner neuen Firma macht nun vor allem die Zurückhaltung großer Werbekunden zu schaffen, die zuletzt für rund 90 Prozent der Einnahmen verantwortlich waren.