Berlin/ Sylt - Feiern, lachen, trinken, flirten. In der Wunderbar auf der deutschen Insel Sylt ist all das möglich, trotz Corona. Die Bar hat ein Hygienekonzept, die Gäste sind auf das Virus getestet, das Barpersonal ist laut Betreiber geimpft. Und sollte sich Corona doch mal einschleichen, ist eine Kontaktnachverfolgung dank Luca-App problemlos möglich. Soweit die Theorie. In der Praxis geht natürlich doch etwas daneben, wenn es zum worst case kommt. Auch das ist in Zeiten wie diesen fast schon normal. Normal ist es aber leider auch, den Schwarzen Peter dann weiterzureichen. Im aktuellen Fall an die Macher der Luca-App, nach Recherchen der Berliner Zeitung zu Unrecht. Der Reihe nach. 

„Ein Besucher der Wunderbar, Paulstraße 6 in Westerland auf Sylt, wurde positiv auf das Coronavirus getestet“ – so beginnt eine Pressemitteilung des Kreises Nordfriesland. Und weiter: „Alle Personen, die sich am frühen Morgen des 21.07.2021 ab 0:38 Uhr oder im weiteren Verlaufe der Nacht länger als 10 Minuten in der Wunderbar aufgehalten haben, sind vorläufig als enge Kontaktpersonen eingestuft worden.“ Die zuständige Fachbereichsleiterin Nina Rahder wird mit den Worten zitiert: „Es besteht das Risiko, dass die anderen Anwesenden sich infiziert haben, zum Beispiel über Aerosole“. Wie der Gastwirt auf Basis der Luca-Statistik mitgeteilt habe, seien im fraglichen Zeitraum rund 80 Gäste anwesend gewesen.

Können die Macher der Luca-App die Daten ihrer Kunden einsehen?

Diese sollten sich nun bitte alle „unverzüglich per E-Mail beim Kreisgesundheitsamt“ melden. Es bleibe nur der öffentliche Aufruf: „Es gelingt wegen eines vom Hersteller bestätigten technischen Fehlers der Luca-App aktuell nicht, die gespeicherten Daten der anderen Gäste abzurufen“, heißt es in der Mitteilung des Amtes weiter. Die Mitteilung macht schnell die Runde, auch bei Journalisten. Weil eine offizielle behördliche Mitteilung zunächst als belastbare und seriöse Quelle gilt, rauscht die Meldung über das Versagen der Luca-App unaufhaltsam durch das Netz, namhafte Zeitungen, darunter auch die Berliner Zeitung sowie Nachrichtenagenturen übernehmen die Meldung des „vom Hersteller bestätigten technischen Fehlers der Luca-App“.

Das Problem: Diesen Fehler gibt es nicht. Und er wurde dem Amt vom Hersteller auch nicht bestätigt. „Es liegt kein technischer Fehler vor. Aktuell ist der Betreiber einfach nicht im Besitz des richtigen digitalen Schlüssels zur Freigabe der Daten“, sagt Patrick Hennig von Nexenio auf Nachfrage der Berliner Zeitung. Um die Daten auslesen zu können, wird aber eben genau dieser Schlüssel benötigt. „Er wird Betreibern bei der Anmeldung per Download zur Verfügung gestellt und sonst niemandem.“ Hennig weiter: „Dieser Betreiber-Schlüssel liegt uns nicht vor, wir haben auch keine Kopie oder ähnliches. Aus Sicherheitsgründen und Datenschutzgründen können wir die von den jeweiligen Betreibern gesammelten Daten nie auslesen oder entschlüsseln, auch in Ausnahmesituationen wie der jetzigen nicht.“ 

Der Schutz der Daten in Zusammenhang mit der Luca-App war und ist einer der zentralen Kritikpunkte – zu unsicher, zu viele Daten in privater Hand, zu großes Missbrauchspotential. Dass diese Kritik offensichtlich unberechtigt ist, zeigt sich im aktuellen Fall. Der Zugangsberechtigte hat seinen Schlüssel verloren, die Daten sind im digitalen Tresor safe. Wenn besagte Daten ohne Schlüssel abgerufen werden sollen, „dann erscheint natürlich eine Fehlermeldung, dass das eben nicht geht ohne Schlüssel“, sagt Hennig weiter.

Anfrage an das zuständige Amt bleibt unbeantwortet

Weshalb sowohl Barbetreiber als auch das zuständige Amt die missliche Lage nun so darstellen, als habe die Technik versagt, ist für Hennig ein Rätsel. So wurden allein in den letzten 14 Tagen in anderen Fällen 37.216 Personen über Luca gewarnt und über einen Datenabruf informiert. Unabhängig davon arbeite man im Fall Sylt „mit beiden Parteien gut zusammen“ und sitze derzeit „gemeinsam daran, eine Lösung zu finden“, sprich den offenbar bei einem Laptoptausch des Barbesitzers verloren gegangenen Schlüssel wiederzufinden. Weshalb das Amt nach wie vor die fehlerhafte Meldung auf seiner Internetseite online hat, weiß Hennig nicht. 

Das Amt selber schweigt dazu. Telefonisch ist in der zuständigen Abteilung ein Anrufbeantworter der einzig verfügbare Gesprächspartner, eine am Montagvormittag per E-Mail verschickte Anfrage dazu blieb bisher unbeantwortet.