Berlin - Auch Deutschland setzt die Corona-Impfungen mit dem Präparat des Herstellers Astrazeneca vorsorglich aus. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium am Montag mit. Zuvor hatte es mehrere Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung gegeben. Das Paul-Ehrlich-Institut hält daher weitere Untersuchungen für notwendig.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) informierte am Nachmittag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz über die Entscheidung. Man folge damit den Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Institutes. Spahn sprach von sieben gemeldeten Fällen von Hirnvenen-Thrombosen in Deutschland bei 1,6 Millionen Impfungen mit Astrazeneca.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA werde nun entscheiden, „ob und wie sich das auf die Zulassung von Astrazeneca auswirkt“, sagte Spahn. Es handele sich hier um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Man sei sich der Tragweite der Entscheidung bewusst, doch sie sei eine fachliche und keine politische.

Er hoffe, dass die EMA bis Ende der Woche entschieden habe, wie mit dem Vakzin weiter zu verfahren sei. Fragen, wie sich die Herausnahme von Astrazeneca auf die Imfpziele in Deutschland auswirken würde und ob wegen der Wartezeit Chargen vernichtet werden müssten, beantwortete der Minister am Montagnachmittag nicht. Auch wie es mit jenen Impflingen weitergehe, die bereits eine erste Dosis von Astrazeneca erhalten hätten, könne man erst nach der EMA-Entscheidung klären, so Spahn.  „Wir müssen jetzt erst einmal abwarten.“

Heftige Kritik an Impf-Stopp von SPD-Politiker Karl Lauterbach

Heftige Kritik  kommt von Karl Lauterbach. Der SPD-Politiker twitterte nach Bekanntwerden des Impf-Stopps, auf der Grundlage der vorliegenden Daten halte er „das für einen Fehler“. Und weiter: „Die Prüfung ohne Aussetzung der Impfung wäre wegen der Seltenheit der Komplikation besser gewesen. In der jetzt Fahrt aufnehmenden 3. Welle wären die Erstimpfungen mit dem Astrazeneca Impfstoff Lebensretter.“

Der Europa-Politiker Erik Marquardt (sitzt für die Grünen im Europa-Parlament) rechtfertigte die möglichen Risiken einer Impfung mit Astrazeneca indirekt. Bei Twitter schrieb der Grünen-Politiker: „Die AstraZeneca-Aussetzung zerstört Vertrauen in einen guten Impfstoff, bloß weil niemand mehr Verantwortung für Entscheidungen übernehmen will.“ Und weiter: „Mit dieser bürokratischen Lethargie würde man bei Seenot auch nicht vom sinkenden Schiff springen, weil man dabei nass werden könnte.“

Zu den Gruppen, die bereits weitreichend mit dem Wirkstoff von Astrazeneca geimpft worden ist, gehören die Polizisten. GdP-Sprecher Benjamin Jendro erklärte, die Gewerkschaft unterstütze die Astrazeneca-Aussetzung. „Nach unserer Kenntnis wurden vereinbarte Impftermine bereits abgesagt, was genau der richtige Weg ist“, sagte Jendro. „Solange es begründete Hinweise auf gesundheitliche Folgen gibt, dürfen auch unsere Kolleginnen und Kollegen keine Versuchskaninchen darstellen. Wir erwarten hier umfassende Aufklärung und komplette Versorgung für bereits Geimpfte sowie schnellstmögliche Alternativen, damit die notwendige Immunisierung bei Polizei und Feuerwehr sowie im gesamten öffentlichen Dienst voranschreitet.“

Astrazeneca-Stopp auch in Holland, Irland, Dänemark, Norwegen und Island

Auch Holland und Irland haben, ebenso wie Dänemark, Norwegen, Island, Bulgarien, Thailand und Kongo, vorerst alle Impfungen mit dem Mittel gestoppt. Österreich und Rumänien hatten dagegen die Impfungen nur bei einer einzelnen Charge ausgesetzt. In den USA ist der Impfstoff von Astrazeneca derzeit noch nicht zugelassen. Laut Medienberichten will der Konzern aber in den nächsten Wochen eine Notfallzulassung beantragen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft nach eigenen Aussagen ebenfalls Berichte im Zusammenhang mit der Sicherheit des Astrazeneca-Impfstoffs. Bislang lägen aber keine Hinweise darauf vor, dass es eine Verbindung zwischen dem Vakzin und gesundheitlichen Beeinträchtigungen gebe, sagte WHO-Sprecher Christian Lindmeier in einer Erklärung. Liendmeier laut Tagesschau.de: „Es ist wichtig, dass die Impfkampagnen fortgesetzt werden, um Leben zu retten.“

Weltgesundheitsorganisation will Impf-Empfehlungen vorerst nicht ändern

Sobald die WHO umfassende Erkenntnisse habe, werde die Öffentlichkeit informiert. Änderungen an den derzeitigen Empfehlungen seien aber eher unwahrscheinlich. Es sei normal bei so großangelegten Impfkampagnen, dass Länder auf unerwünschte Nebenwirkungen hinwiesen.

Noch am Vormittag hatte CSU-Chef Markus Söder bei einer Pressekonferenz gesagt, deutsche Politiker sollten sich mit Astrazeneca impfen lassen. „Ich glaube, da braucht es jetzt auch Statements dafür, dass dieser Impfstoff wirksam ist und auch funktionieren kann“, sagte Söder.

Weiter sprach der CSU-Chef von „ganz überlegten Vorbildfunktionen“, die gesetzt werden sollten. Es müsse „noch mal extra eine klare Aussage kommen: Ist der Impfstoff gut oder schlecht?“