Berlin/Mainz - Biontech-Chef Ugur Sahin hat in einem Spiegel-Interview Deutschland und die EU für ihr Vorgehen beim Einkauf von Corona-Impfstoff kritisiert. Der aktuelle Mangel an Impfstoff hänge auch mit der Einkaufspolitik der EU zusammen, erklärte Sahin. „Es gab die Annahme, dass noch viele andere Firmen mit Impfstoffen kommen. Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert“, sagte der Biontech-Chef dem Nachrichtenmagazin.

Das Mainzer Unternehmen Biontech arbeitet nach eigenen Angaben unter Hochdruck am Aufbau neuer Produktionskapazitäten für den Corona-Impfstoff. „Momentan sieht es nicht rosig aus, es entsteht ein Loch, weil weitere zugelassene Impfstoffe fehlen und wir mit unserem Impfstoff diese Lücke füllen müssen“, heißt es in dem Bericht weiter. Deutschland werde aber „genug Impfstoff bekommen“. Sahin gab an, dass es Ende Januar Klarheit über die Produktionsmengen des Impfstoffs geben wird. „Wir versuchen, neue Kooperationspartner zu gewinnen, die für uns produzieren. Aber es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten.“

Erste tragfähige Ergebnisse könnte es Ende des Monats auch dazu geben, in welchem Umfang der Biontech-Impfstoff nicht nur Covid-19-Erkrankungen, sondern auch Ansteckungen verhindert. „Wir werden dazu ungefähr Ende Januar Daten haben, zumindest indirekte“, sagte die medizinische Geschäftsführerin und Biontech-Mitgründerin Özlem Türeci dem Spiegel.

Die Idee der EU und anderer Regierungen, sich einen Korb aus verschiedenen Anbietern zusammenzustellen, sei eigentlich durchaus sinnvoll, erklärte Biontech-Chefmedizinerin Özlem Türeci. „Irgendwann stellte sich aber heraus: Viele können gar nicht zeitig liefern. Dann war es erst mal zu spät, woanders umfänglich nachzuordern.“

Die USA hatten sich laut Spiegel im Juli 600 Millionen Dosen von Biontech gesichert. Doppelt so viele Dosen wie die EU, die erst im November den Auftrag vergab. „Der Prozess in Europa lief sicherlich nicht so schnell und geradlinig ab wie mit anderen Ländern“, sagte Sahin. „Auch, weil die Europäische Union nicht direkt autorisiert ist, sondern die Staaten ein Mitspracherecht haben.“

Die Produktion nun kurzfristig zu erhöhen, sei alles andere als trivial. Biontech habe bereits „fünf Hersteller in Europa beauftragt, um die Produktion zu unterstützen“, sagte Türeci. Weitere Verträge seien in Verhandlung. Mehrere Politiker hatten zuletzt gefordert, die Impfstoff-Produktion deutlich zu beschleunigen. FDP-Chef Christian Lindner verlangte, die rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und technologischen Voraussetzungen für eine „Krisenproduktion“ zu schaffen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte mehr Tempo bei der Vakzin-Produktion.