Tübingen - Geöffnete Biergärten, belegte Außentische an Cafés und flanierende Menschen in der Fußgängerzone. Die Bilder von Tübingen wecken in vielen Menschen die Hoffnung auf die baldige Rückkehr eines zumindest halbwegs normalen Lebens. Doch das Tübinger Modell unter Oberbürgermeister Boris Palmer steht auch in der Kritik. Das Prinzip ist simpel: Wer sich an einer von neun Teststation testen lässt und ein Negativ-Ergebnis erhält, bekommt ein sogenanntes Tagesticket. Damit kann dann geshoppt und gebummelt werden, auch Biergärten stehen dann offen. 

Politiker wie etwa Karl Lauterbach warnen vor einem Scheitern des Tübinger Modells und hohen Infektionszahlen als Folge. Auf der anderen Seite wird das Prinzip des Tagestickets nach Negativ-Test im Internet als vermeintlicher Prototyp eines künftigen Überwachungsstaates angegriffen. 

Faschismus-Vorwürfe und Vergleich mit Nazi-Deutschland

„Dieses Experiment finde ich unglaublich! Es macht mich wütend, Faschismus pur“, so einer der Kritiker. Ein anderer schreibt: „Wie damals bei Adolf, meine freie Meinung.“ Jetzt hat Boris Palmer auf die Anfeindungen reagiert. Auf seiner Facebook-Seite schreibt Tübingens Oberbürgermeister: „Unser Tübinger Modell wird im Internet von Trollen und Kritikern bombardiert.“ Dann geht Palmer unter der Überschrift „Meine persönliche Hitliste“ mit teils bissig-ironischem Unterton auf zehn der Kritikpunkte ein. 

Das sagt Boris Palmer zu den Vorwürfen

  • Das ist Rassismus. Ein Wohnort ist keine Herkunft und keine Rasse. Man kann ihn wechseln. Ich bin auch mal vom Geradstetter zum Tübinger geworden.
  • Das ist Faschismus. Das ist freiwillig. Fängt auch mit F an. Niemand muss nach Tübingen fahren. Niemand muss sich testen lassen. Niemand muss in einem Biergarten sitzen.
  • Das ist Körperverletzung. Das ist Nasebohren. Fünf Sekunden lang.
  • Das ist fahrlässig. Ob der Lockdown noch hilft, wissen wir auch nicht. Immerhin hat sich die Mutation im Lockdown exponentiell vermehrt. Mehr zu testen kann mehr Infektionsketten abbrechen und besser wirken als ein Deutscher Lockdown.
  • Das ist viel zu teuer. Ein Test kostet 15 Euro. Der Staat hat das schon drin, wenn jemand 75 Euro Umsatz gemacht hat.
  • Die Tests sind viel zu ungenau. Wir haben eine Rate von 0,05 % falsch positiven Ergebnissen. 60 Prozent asymptomatisch Infizierter werden erkannt. Das reicht in Verbindung mit Abstand, Maske und Nachverfolgung aus.
  • Mit Schnelltest braucht man keine Maske. Doch. Die Tests entdecken 60 % der infizierten, vor allem die besonders ansteckenden. Aber eben nicht alle. Nur in Verbindung mit AHA können wir öffnen.
  • Das geht nur in Tübingen. Warum denn? Größere Städte haben auch mehr Personal. Tests kann man in fast jeder Menge kaufen. Wer jetzt bestellt, gibt der Industrie das Signal zur Ausweitung der Produktion.
  • Das ist keine Freiheit. Es ist schon mal frei, überhaupt mitzumachen. Wer die Pandemie für Fake hält, muss halt nach Texas oder Brasilien. Wir machen Freiheit mit Sicherheit. Nicht Freiheit ohne Verantwortung.
  • Tickets werden gefälscht und nicht kontrolliert. Jede Regel kann man irgendwie austricksen. Aber nicht das Virus. Es braucht mindestens zwei Deppen, um ein Ticket weiterzugeben. Einen, der den Test macht. Und einen, der ihn nicht macht. Und beide müssen sich treffen und denken, es sei völlig ok, einem Ungetesteten einen Nachweis über einen Test zu schenken. Gute Nachricht: Der Anteil solcher Idioten ist bei 1 Prozent. 

Der Post von Palmer endet mit dem Satz des Oberbürgermeisters: „Leute, die zu jeder Lösung ein Problem finden, gibt es wirklich genug.“