Berlin - Vor den Bund-Länder-Beratungen am Montag über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie fordern Mediziner wieder schärfere Beschränkungen. Zugleich warnen sie vor einer Zuspitzung der Lage im Gesundheitswesen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Freitagabend auf die von Bund und Ländern vereinbarte „Notbremse“ ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 hingewiesen. „Und wir werden leider auch von dieser Notbremse Gebrauch machen müssen“, sagte sie nach Beratungen mit den Ministerpräsidenten zum weiteren Vorgehen beim Impfen. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir ohne diese Notbremse auskommen, aber das wird nicht möglich sein, wenn ich mir die Entwicklung der letzten Tage anschaue.“

Die Gesundheitsämter meldeten dem Robert-Koch-Institut (RKI) innerhalb eines Tages 16.033 Corona-Neuinfektionen. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut RKI am Sonnabendmorgen bundesweit bei 99,9 – und damit etwas höher als am Vortag (95,6).

Ärzteverband: Kapazitäten auf Intensivstationen werden rasant wegschmelzen

Die Chefin des Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, forderte: „Es muss definitiv die vereinbarte Notbremse gezogen werden, da darf es keine Ausnahmen geben.“ Weiter sagte sie der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Ich rechne ab Ostern mit einer noch kritischeren Lage als zum Jahreswechsel.“ Der Kapazitätspuffer auf den Intensivstationen „wird rasant wegschmelzen“, warnte sie. „Es war unverantwortlich, in die dritte Welle und die Ausbreitung der Mutanten hinein auf diese Art zu lockern. Dadurch droht den Kliniken nun die dritte Extremsituation binnen eines Jahres“, sagte Johna.

Auch von Intensivmedizinern kommen nachdrückliche Mahnungen. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz könne ohne Eingreifen sehr schnell auf 200 steigen und zu deutlich höheren Intensivpatientenzahlen führen. „Aus unserer Sicht kann es daher nur eine Rückkehr zum Lockdown vom Februar geben“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, der Augsburger Allgemeinen. „Alles, was man sich jetzt erlaubt, muss man später mit Zins und Zinseszins bezahlen“, warnte Marx.

Auch Politiker und Ärztevertreter forderten die Spitzen von Bund und Ländern auf, bei ihren Beratungen am Montag die Notbremse zu ziehen und die jüngsten Lockerungen zurückzunehmen. 

Söder: „Die Notbremse muss für alle gelten“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Weitere Öffnungen ergeben angesichts der erneut steigenden Infektionen keinen Sinn. Die Notbremse muss für alle gelten, und zwar konsequent.“ Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sagte den RND-Zeitungen mit Blick auf die Ministerpräsidentenkonferenz am Montag: „Es ist schon jetzt klar, dass es grundsätzlich bei den jetzigen Beschränkungen bleiben muss.“ Auch er rief nach der Notbremse.

SPD-Chefin Saskia Esken stimmte die Bürger auf ein Osterfest im Lockdown ein. Es sei „hoch verantwortungsvoll, wenn jetzt in Bundesländern mit hohen und stark steigenden Inzidenzen Lockerungen infrage gestellt und sogar zurückgenommen werden“, sagte sie den Funke-Zeitungen.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger hingegen forderte von der Bundesregierung einen Strategiewechsel in der Corona-Politik. „Die sture Fixierung auf die Inzidenzen ist falsch“, sagte Dulger der Welt. Eine stärkere Öffnung des Wirtschaftslebens sei dringend nötig, „denn wir sind jetzt an einem Wendepunkt, wo vielen Betrieben die Puste ausgeht“. Der Schlüssel liege in Impfen und Testen.