US-Präsident Trump bei einem Wahlkampfauftritt  in Sanford, Florida. Er hat eine Covid-19-Erkrankung nach eigener Aussage überstanden. 
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WashingtonUS-Präsident Donald Trump, von seiner Covid-19-Erkrankung genesen, macht wieder Wahlkampf. In Florida warf er Masken ins Publikum, und tönte: „Ich fühle mich so stark!“ Er betonte, er sei jetzt immun und machte Witze: „Ich werde jeden in diesem Publikum küssen. Ich werde die Kerle und die schönen Frauen küssen. Ich werde euch einfach allen einen dicken, fetten Kuss geben.“ Witze, die bei vielen von Corona betroffenen Amerikanern Übelkeit verursachen dürften: Denn während Trump eine 100.000-Dollar-Behandlung zuteil wurde, bleiben viele Normalpatienten auf hohen Behandlungskosten sitzen.

Inzwischen fast acht Millionen Infizierte und über 215.000 Tote – da konnten viele Versicherer und die US-Regierung nicht anders, als Covid-19-Behandlungskosten zu übernehmen. Dennoch können hohe Summen übrig bleiben.

Das erlebte Melissa Szymanski, die im März in Hartford (Connecticut) fünf Stunden in einer Notaufnahme verbrachte. Ihre Rechnung: 3200 Dollar. Die Grundschullehrerin wurde nicht auf Corona getestet, obwohl sie Fieber hatte und ihr Arzt eine Röntgenuntersuchung des Brustraumes anordnete. Das Krankenhaus hatte die Zahl der Tests begrenzt, Szymanski erfüllte die Kriterien nicht. Sie bekam daher nie die offizielle Diagnose Covid-19, und ihr Versicherer Anthem BlueCross BlueShield erklärte, sie müsse zunächst einen hohen Eigenanteil zahlen, bevor eine Kostenübernahme greife.

78 Versicherungen wollen doch auf Rechnungen verzichten 

„Ich war überrascht, dass ich überhaupt eine Rechnung bekommen habe, weil es doch so offensichtlich Covid zu sein schien“, sagt Szymanski. Sie machte später einen Bluttest, der zeigte, dass sie tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert war und ist jetzt bemüht, die Rechnung zu reduzieren.

Dagegen erhielt Mary Lynn Fager nach ihrer Infektion Ende März gar keine Rechnung, obwohl sie vier Tage lang im Krankenhaus mit Sauerstoff versorgt und mehrfach untersucht wurde. Sie fragte nach und erhielt die Auskunft, dass man ihr nichts in Rechnung stellen werde. Fager hatte kurz zuvor ihren Arbeitsplatz verloren und wurde deshalb in das Medicaid-Programm des Staates New York aufgenommen. „Ich konnte es gar nicht glauben. Selbst als ich nicht atmen konnte, war das die ganze Zeit in meinem Hinterkopf. Ich habe an Krankenhausrechnungen gedacht.“

Um möglichst viele Infizierte zu entlasten, hat die US-Regierung erklärt, sie wolle Kliniken, die unversicherte Covid-19-Patienten behandeln, die Kosten erstatten. Zudem haben 78 Versicherungskonzerne angekündigt, ihren Versicherten die Eigenanteile nicht in Rechnung zu stellen, wie die Kaiser Family Foundation recherchierte. Das wollen auch große Arbeitgeber, die für ihre Mitarbeiter die Krankenversicherung übernehmen, so handhaben. Allerdings haben die Regelungen Grenzen, manche laufen mit dem Jahresende aus.

In den USA stehen Patienten oft vor einem weiteren Problem: Sie bekommen ihre Behandlungskosten nur bezahlt, wenn sie Krankenhäuser aufsuchen, mit denen ihre Versicherung einen Vertrag geschlossen hat. „Wenn man sich außerhalb dieses Netzwerks behandeln lässt, dann könnten einige dicke Rechnungen kommen“, sagt Karen Pollitz von der Kaiser-Stiftung. Und selbst wer in ein Krankenhaus seiner Versicherung geht, ist noch nicht auf der sicheren Seite. Denn es gibt keine Garantie, dass der Vertrag auch für den behandelnden Arzt gilt.

Die Krankenhäuser brauchen manchmal Wochen und Monate, um die Rechnung zu stellen. Bisher ist deshalb unklar, wie viele Patienten vor hohen Kosten stehen könnten, wie der Ökonom Matthew Eisenberg von der medizinischen Fakultät Johns Hopkins erklärt.

Betroffene sollen Rechnungen nicht gleich begleichen

Wenn eine hohe Rechnung in der Post liegt, sollten die Patienten nicht umgehend zahlen, sondern erst einmal Fragen stellen, so der Rat von Experten. Oftmals erhalten die Krankenhäuser Bundeshilfen und dürften daher gar keine Rechnungen an Covid-19-Genesene verschicken. Sabrina Corlette vom Zentrum für Gesundheitsreformen an der Uni Georgetown, erklärt, die Klinikverwaltungen seien noch nicht sicher im Umgang mit Ansprüchen aus Covid-19-Fällen. Es komme immer wieder zu Fehlern bei der Rechnungsstellung. „Es gibt gute Gründe, warum sowohl die Versicherung als auch das Krankenhaus vielleicht sagen: Hoppla, da ist uns ein Fehler unterlaufen.“

Für Szymanski hat sich ihre Hartnäckigkeit ausgezahlt. Nach mehr als 20 Telefonanrufen und E-Mails innerhalb der vergangenen fünf Monate hat sie immerhin erreicht, dass 2900 Dollar von ihrer Rechnung gestrichen werden. Sie hofft, dass ihre Versicherung den Rest übernimmt.

Die Expertin Elisabeth Benjamin rät allen Betroffenen, sich dringend professionellen Rat zu suchen. Zu Beginn der Pandemie seien viele Menschen frustriert gewesen, weil die Verwaltungen in den Krankenhäusern nicht einmal ans Telefon gegangen seien. Nun gehe es hauptsächlich um Rechnungen für Behandlungen, die die Versicherungen nicht abdeckten. „Es ist traurig, dass unser Gesundheitssystem die Menschen zwingt, zu Experten zu werden.“