Berlin - Massive Freiheitsbeschränkungen aufgrund zweifelhafter Inzidenzzahlen, intransparente Corona-Zahlen, verschwundene Intensivbetten und ein Robert-Koch-Institut, das nicht unabhängig agiert: Rund 100 Ärzte, Juristen, Wissenschaftler und Unternehmer hinterfragen in einem offenen Brief an die Vorsitzenden der großen Parteien die Corona-Politik in Deutschland. 

Die Experten wundern sich unter anderem darüber, dass der Umgang mit der Pandemie im Wahlkampf kaum thematisiert wird. Vor allem aber fordern sie ein Umdenken bei der Corona-Strategie und einen deutlich größeren Expertenkreis, der Bund und Länder in Zukunft beraten sollte. Außerdem müssten bei den Corona-Maßnahmen auch soziale, psychologische und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden, was ihrer Meinung nach bisher zu kurz kam. 

Gerd Antes, Klaus Stöhr und Jörg Thadeusz fordern neues Corona-Konzept 

Unterschrieben wurde der Brandbrief von Medizinern, Wissenschaftlern, Rechtsexperten und Prominenten aus Kultur und Medien. Unter ihnen ist der Mathematiker und Medizin-Statistiker Gerd Antes. Er gehört neben dem Berliner Rechtsanwalt Niko Härting zu den Initiatoren des Briefes. Auch der WDR-Moderator und Journalist Jörg Thadeusz ist dabei, genauso wie der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr, der einst das Globale Influenza-Programm leitete und als Sars-Forschungskoordinator tätig war. 

Auch der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Stefan Leupertz, und der Berliner Musikproduzent Paul van Dyk unterstützen die Aktion. Auf der Internetseite, auf der der Brief veröffentlicht wurde, können sich Gleichgesinnte eintragen und mitmachen. 

Laut den Experten herrsche zu viel Unklarheit über die Corona-Tests und die Infektionszahlen, die immer wieder Grundlage für erhebliche Grundrechts-Einschränkungen bis hin zu Ausgangssperren waren. Das Bundesverfassungsgericht will noch in diesem Jahr darüber entscheiden, ob das alles verfassungsgemäß war. Auf manche Kritikpunkte von Experten – etwa bei der Inzidenz – hat die Bundesregierung mittlerweile reagiert, auf andere nicht.

Der offene Brief an Deutschlands Parteivorsitzende im Wortlaut: 

„Sehr geehrte Damen und Herren Vorsitzende,

kurz vor der Bundestagswahl gewinnen wir den Eindruck, dass Corona im Wahlkampf kein Thema ist. In den Parteiprogrammen vermissen wir Konkretes. Als Wählerinnen und Wähler dürfen wir von den Parteien Konzepte für die zukünftige Corona-Politik einer Bundesregierung erwarten. Es wird eine zentrale Aufgabe der neuen Bundesregierung sein, die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie zu bewältigen.

Corona war für die meisten Bürgerinnen und Bürger ein tiefer Einschnitt. Das öffentliche Leben ist seit März 2020 durch eine Vielzahl von Einschränkungen geprägt. Schulen, Universitäten, Gaststätten, Theater und viele andere Einrichtungen blieben lange Zeit geschlossen. Die sozialen, seelischen und wirtschaftlichen Folgen wiegen schwer. 

Wir erwarten von den Parteien Antworten auf die drängendsten Fragen der Corona-Politik (Wahlprüfsteine):

  • Expertenrat: Welche konkreten Maßnahmen plant Ihre Partei, dass die künftige Corona-Politik begleitet wird durch einen Expertenrat, der sich aus allen betroffenen Disziplinen zusammensetzt: Expertinnen und Experten aus Medizin, Statistik, Virologie und Epidemiologie, aber auch Soziologie, Verhaltenspsychologie, Pädagogik, Kultur, Ökonomie, Politologie sowie Juristinnen und Juristen?
  • Institutionen: Wie sieht die Anerkennung und der öffentliche Respekt Ihrer Partei vor der Arbeit der STIKO als gesetzlich mandatierter Kommission aus, wenn dem Impfen eine zentrale Funktion bei der Bewältigung der Pandemie zukommt? Warum ist das Robert-Koch-Institut – anders als beispielsweise die Datenschutzbehörden - keine unabhängige Behörde, sondern dem Bundesministerium für Gesundheit unterstellt?
  • Enquetekommission: Was tut Ihre Partei dafür, dass der nächste Bundestag eine Enquetekommission einsetzt zur Untersuchung der Versäumnisse, die es bei der Bewältigung der Corona-Krise gegeben hat und weiterhin gibt, und zur Ausarbeitung von institutionellen, strukturellen, gesundheits- und rechtspolitischen Vorschlägen für Reformen und Veränderungen?
  • Politik nach Inzidenzen: Welche konkreten Vorschläge hat Ihre Partei für Messwerte zur Beurteilung der Infektionsgefahren, die an die Stelle der starren „7-Tage-Inzidenzen“ treten? Wie können neue Bezugsgrößen konkret lauten?
  • Stufenplan: Welche Ideen hat Ihre Partei für einen Corona-Stufenplan mit mittel- und langfristigen Strategien zur Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens? Wie kann es gelingen, eine Politik zu entwickeln, deren Horizont über wenige Wochen hinausreicht?
  • Entschädigung: Welches Konzept hat Ihre Partei für eine gerechte und transparente Verteilung der finanziellen Lasten der Pandemie? Wie lässt sich ein dauerhafter Ausgleich schaffen zwischen Bürgern, die schwere finanzielle Einbußen hinnehmen mussten, und Unternehmen, Beamten und Angestellten, die ein ungeschmälertes Einkommen hatten oder sogar wirtschaftlich von der Corona-Krise profitieren?
  • Kultur: Für Kulturschaffende ist die Corona-Krise ein tiefer Einschnitt. Viele Künstlerinnen und Künstler konnten seit März 2020 kaum arbeiten. Kultur wurde dem Anschein nach als verzichtbares Freizeitvergnügen angesehen. Welches Konzept hat Ihre Partei für eine zukunftsfeste Kulturlandschaft? Welche Lehren zieht Ihre Partei aus der Krise für eine bessere soziale Absicherung von Kulturschaffenden und „Soloselbstständigen“?
  • Bürgerrechte: Welche Ideen für ein Konzept hat Ihre Partei, wie es sich vermeiden lässt, dass Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten hinter verschlossenen Türen Entscheidungen über Corona-Maßnahmen treffen, die tief in das Leben und in die Grundrechte der Bürger eingreifen? Wie lassen sich Transparenz, demokratische Prozesse, öffentliche Kommunikation und verhältnismäßige Abwägungen besser gewährleisten?

Corona wird mit der Bundestagswahl nicht verschwinden. Und die weitere Bewältigung der Krise wird eine der herausragenden Aufgaben des neuen Bundestags sein. Als Wählerinnen und Wähler erwarten wir klare Aussagen der Parteien zur Corona-Politik. Und wir erwarten alternative und zukunftsfähige Vorschläge und Ideen zur Corona-Politik, damit wir nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Ideen und Programmen wählen können. Die Bundestagswahl bietet die Gelegenheit einer Neuorientierung, die nur von den Parteien im Wettbewerb der Ideen ausgehen kann.

Wir freuen uns auf Ihre Ideen und Vorschläge, damit wir am 26. September 2021 auch bei der Corona-Politik eine echte Wahl haben.

Mit freundlichen Grüßen“