Angesichts der sich ausbreitenden Omikron-Subvariante BA.5 erwarten Fachleute, dass das Coronavirus im Sommer nicht von der Bildfläche verschwindet. Ärztepräsident Klaus Reinhardt rief das Bundesgesundheitsministerium auf, jetzt Vorkehrungen mit den Ländern abzustimmen. Die Entwicklung der Corona-Lage in Deutschland mit der Zunahme der Omikron-Subvariante BA.5 ist für den Virologen Christian Drosten bisher nicht überraschend. „Wir erleben dieses Jahr keinen infektionsfreien Sommer, was aber zunächst nicht bedrohlich ist“, teilte der Leiter der Charité-Virologie, Christian Drosten, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

„Etwas beunruhigt“ sei er von der Entwicklung in Portugal, wo nicht nur die Inzidenz, sondern auch die Sterbefälle anstiegen, schreibt der Virologe weiter. „Dafür gibt es keine offensichtlichen Erklärungen, denn auch andere europäische Länder haben BA.5-Anstiege ohne Zunahme der Letalität.“ Für mehr Klarheit müsse man noch etwas abwarten: „In einem Monat werden wir wissen, ob sich etwas Ähnliches auch bei uns einstellt.“

Virologe Drosten: „wieder eine lang anhaltende Infektionswelle“

Dennoch erwartet Drosten nach eigenen Worten in Herbst und Winter „wieder eine lang anhaltende Infektionswelle“ mit ganz besonders vielen Arbeitsausfällen als Folge, wenn zwischenzeitlich keine Interventionen erfolgten. Grund seien zwei Effekte: „Erstens verlieren die größten Teile der Bevölkerung bis zum Herbst den Übertragungsschutz, zumal bei den jetzt zirkulierenden Varianten die Übertragbarkeit nochmals erhöht ist. Zweitens wird die Politik wegen des erreichten Impferfolgs zunächst weniger Kontrollen anwenden.“

Es werde zu sehr vielen Fällen spätestens ab Oktober kommen, nimmt Drosten an. Dies könne sich, anders als bei einer schweren Grippewelle, wohl bis März hinziehen und personalsensitive Bereiche belasten. „Es wird schwierig sein, dies allein über eine Impfkampagne abzumildern“, erklärte der Virologe. Wer noch keinen Impfschutz habe, sollte „einmal mehr dazu ermutigt werden, das nachzuholen“. Mit ihrem Arzt über eine Auffrischung zu sprechen, riet Drosten Älteren und Menschen, die einer Risikogruppe zuzuordnen sind.

Epidemiologe Zeeb: Infektionslage „schwer abzuschätzen“

In der Vergangenheit habe das Hin und Her zwischen den Beteiligten das Vertrauen der Bevölkerung in das Pandemiemanagement erheblich erschüttert, kritisierte Klaus Reinhardt in Berlin. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte Zeit online: „Wir sollten noch vor der Sommerpause eine Verständigung über die Ziele beschließen.“ FDP-Vize Wolfgang Kubicki forderte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf, die Kliniken für mögliche Herausforderungen im Herbst rechtzeitig vorzubereiten. Der Corona-Expertenrat habe dem Minister „eine Fülle an Aufgaben“ gegeben, sagte Kubicki dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Die Expertinnen und Experten hatten am Vortag drei mögliche Szenarien für Herbst und Winter skizziert und eine ausreichende gesetzliche Basis für schnelle Reaktionen gefordert. Wie genau sich die Infektionslage bis dahin entwickeln wird, sei schwer abzuschätzen, wie der Epidemiologe Hajo Zeeb mitteilte.

Aus der Sicht von Zeeb sollte die Lage in Portugal eine Warnung auch für Deutschland sein. „Im Nachbarland Spanien sind die Zahlen allerdings nicht so hoch gegangen, was schon darauf hinweist, dass regionale Umstände, Impfverläufe und Immunität sowie Schutzverhalten auf jeden Fall eine Rolle spielen.“ Insofern erwarte er nun keinen Inzidenz-Anstieg bis hin zu den sehr hohen Werten, wie sie in der ersten Omikron-Welle erreicht worden waren.

RKI: Sieben-Tage-Inzidenz bei 276,9

Unabhängig davon, ob es eine Sommer-Corona-Welle gebe oder nicht, müssten ohnehin Vorbereitungen für den Herbst getroffen werden, sagte der Bonner Virologe Hendrik Streeck am Mittwochabend in der ARD. Die Politik habe viele schützende Instrumente wie Impfung und Masken an der Hand.

In Deutschland liegt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag bei 276,9. Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche bei 238,1 gelegen (Vorwoche: 221,4; Vormonat: 499,2). Allerdings liefert die Inzidenz kein vollständiges Bild der Infektionslage. Neue Daten zur Verbreitung der Omikron-Subvariante BA.5 werden am Donnerstagabend im RKI-Wochenbericht erwartet. Zuletzt hatte sich der Anteil in einer Stichprobe im Wochentakt verdoppelt, aber noch auf niedrigem Niveau.