„Cry Wolf“: Dänische Serie über häusliche Gewalt

Ein schwerer Verdacht ist schnell geäußert, die Aufregung groß, Vorverurteilungen lassen sich kaum vermeiden. Doch was passiert dann? Die Arte-Serie „Cry Wol...

HANDOUT - Als Simon (Peter Plaugborg) zum ersten Mal Hollys Aufsatz liest, kann er nicht fassen, dass seine Stieftochter ihn beschuldigt, ihr Gewalt angetan zu haben.
HANDOUT - Als Simon (Peter Plaugborg) zum ersten Mal Hollys Aufsatz liest, kann er nicht fassen, dass seine Stieftochter ihn beschuldigt, ihr Gewalt angetan zu haben.Michella Bredahl/BR/ARTE/dpa

Berlin-Die 14 Jahre alte Holly beschreibt in ihren Aufsätzen brutale Szenen, die auf Gewalt in der Familie hindeuten. Ein umsichtiger Lehrer erkennt darin einen Hilfeschrei und verständigt das Jugendamt. Das junge Mädchen beschuldigt den Stiefvater schwer, Beweise für die Gewaltausbrüche gibt es nicht.

Holly, die Hauptperson in der dänischen Serie „Cry Wolf“, wird zu einer Pflegefamilie gebracht, ebenso ihr kleiner Bruder, der die Anschuldigungen gegen seinen leiblichen Vater für Unsinn hält. Die Patchwork-Familie steckt von jetzt auf gleich in einer Krise, die sie zerreißen könnte.

Die Grundlage des Achtteilers, der ab Donnerstag (21.50 Uhr) bei Arte läuft, ist damit schon erzählt, inhaltlich bewegt sich gar nicht mehr so viel voran - die Wahrheit bleibt aber vorerst im Dunkeln. Die Serien-Macher konzentrieren sich zunächst auf all das, was die Familie in den ersten Tagen und Wochen nach Hollys Hilferuf beschäftigt.

Wie die Mutter leidet, weil ihr die Kinder entzogen werden. Wie sich der Vater bei einer Anhörung unsicher um Kopf und Kragen redet. Wie kleine Bündnisse entstehen, etwa zwischen Holly und dem Sozialarbeiter Lars, der aus Intuition heraus für die Trennung der Familie einstand - angesichts der Tragweite seiner Entscheidung aber Angst hat, falsch zu liegen.

Viel Licht, viel Schatten

Die Serie (Regie: Pernille Fischer Christensen, „Eine Familie“) geht dabei gefühlvoll vor, oft still, langsam, aber nie langweilig. Die Bildsprache untermauert die Gefühlswechsel mit einem Spiel aus Licht und Schatten.

Drehbuchautorin Maja Jul Larsen war auch an der dänischen Erfolgsserie „Borgen“ beteiligt, die nicht nur auf die Politik der fiktiven Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg schaute, sondern auch auf die Veränderungen in ihrem Privatleben, in ihrer Familie.

Die Parallelen sind eindeutig: Hier wie dort stehen die Menschen und ihre Gefühle im Mittelpunkt, nicht nur ihre (politischen) Taten. In „Cry Wolf“ spielt es entsprechend erstmal keine Rolle, was genau Vater Simon getan haben soll - es ist im Detail nicht relevant.

Oder vielleicht auch gar nicht passiert? Auch das gehört zu einem Vorwurf, der nicht bewiesen werden kann: Nicht wahrhaben wollen, abstreiten, lügen, Schuld auf andere lenken - mindestens bis zur Halbzeit bleibt in „Cry Wolf“ offen, wer recht hat. Der Zuschauer lernt Minute für Minute die Charaktere besser kennen, die neuen Informationen belasten aber alle nur mehr.

Die erst 17 Jahre alte Flora Ofelia Hofmann Lindahl spielt die Rolle der Holly dabei authentisch und sensibel, sie verleiht ihr etwas Geheimnisvolles. Christine Albeck Børge überzeugt als Mutter Dea, die diese Familie gerne zusammenhalten möchte, für sich aber schnell ausgemacht hat, wem sie glaubt („Du musst es alles nur zurücknehmen.“)

Zusammengehalten und mit Spannung versehen wird die Serie aber durch die eine entscheidende Frage: Ist Holly tatsächlich ein Opfer häuslicher Gewalt?