Berlin - Sebastian Czaja, Fraktionschef der Berliner FDP, ist immer noch sauer auf Franziska Giffey. Dass die künftige Regierende Bürgermeisterin von Berlin nicht mit den Liberalen, sondern mit der „SED-Nachfolgepartei“ in Berlin regiert, bringt ihn immer noch in Rage. Er muss jetzt wieder in die Opposition. Was er von Christian Lindner und dem Osten hält und warum er Olaf Scholz und Annalena Baerbock unbedingt zu einem Rundgang durch Marzahn-Hellersdorf einladen will, hat er der Berliner Zeitung verraten. 

Die FDP regiert bald im Bund und stellt vier Minister, zum Teil in wichtigen Ressorts wie Bildung oder Finanzen. In Berlin müssen Sie in die Opposition, weil Giffey jetzt mit der Linken regiert. Freuen Sie sich nun oder sind Sie eher unglücklich?

Dass mich das nicht glücklich macht, liegt wohl auf der Hand. Dabei geht es ja aber nicht um meine Gefühlswelt, sondern um die Frage, wie es mit unserer Stadt weitergeht. Franziska Giffey hat sich für ein linkes Weiter-So entschieden, das sie ja eigentlich beenden wollte. Sie hat zwar die Linken bei der Enteignung über den Tisch gezogen und den Entscheid in einer Kommission versenkt, aber der SED-Nachfolgepartei dann trotzdem das Justizressort überlassen. Ein fragwürdiges Trostpflaster, das nicht gut für unsere Stadt sein kann.

Was fehlt denn im Berliner Koalitionsvertrag noch?

Der große Wurf! Eine gemeinsame Vision. Das klare Bekenntnis zu einem politischen Neustart. Jetzt kann man sich gerade so mit Würgen und Ringen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen – eine notwendige Verwaltungsreform bekommt man aber so zum Beispiel nicht hin. Das wäre aber die Grundlage für schnelleren Wohnungsbau, eine stärkere Wirtschaft und den Ausbau des ÖPNV.

Und wo hätten Lindner und die FDP im Bund noch besser verhandeln können?

Wenn man zu dritt regiert, ist es immer so, dass alle Partner etwas zugestanden bekommen, aber natürlich niemand sein eigenes Programm zu 100 % durchsetzen kann. Das ist normal. Es wäre jetzt einfach, sich etwas rauszupicken und rumzumeckern. Aber das ist nicht meine Art und es wird dem Gesamtwerk auch nicht gerecht. Das ist ein sehr guter, auch ein sehr gut von der FDP verhandelter Koalitionsvertrag. Da können wir stolz drauf sein.

Sie sind in Ost-Berlin in Mahlsdorf geboren und aufgewachsen. Viele Minister im Scholz-Kabinett stehen schon fest. Darunter ist mit Steffi Lemke von den Grünen bisher nur eine Ostdeutsche. Wird das noch zu Debatten führen?

Es wäre wünschenswert, wenn wir in der Bundesregierung am Ende mehr Menschen mit ostdeutscher Biografie finden würden. Aber natürlich gilt auch hier, dass die Herkunft nicht hauptsächlich ausschlaggebend für die Besetzung eines Amtes sein sollte.

Was meinen Sie? Weiß eigentlich Olaf Scholz, wo Mahlsdorf ist oder wo der Bezirk Marzahn-Hellersdorf liegt?

Das weiß ich nicht. Da müsste ich mal googeln, ob er mal dort zu Besuch war. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Sollte er noch nicht da gewesen sein, lade ich ihn gern auf einen Spaziergang durch meine alte Heimat ein.

Und weiß das auch Annalena Baerbock, unsere künftige Außenministerin?

Ich meine mich zu erinnern, dass Frau Baerbock im Wahlkampf mal in Biesdorf war? Sicher bin ich mir aber nicht. Falls nicht, soll sie mit Herrn Scholz mitkommen. Ich wüsste schon eine kleine Tour: Seilbahn fahren, Gärten der Welt, Gründerzeitmuseum und am Ende ein Stück Kuchen im Der Eisladen Kaulsdorf.