Die App TikTok zieht ihre Nutzer in den Bann – häufig können sie das Smartphone stundenlang nicht aus der Hand legen. Stärker als bei anderen sozialen Netzwerken entscheidet bei TikTok ein Algorithmus darüber, was Nutzer zu sehen bekommen. Diese erhalten nach längerer Nutzungsdauer ein immer stärker personalisiertes Angebot an Inhalten. Doch das hat Folgen: Eine Recherche des Bayerischen Rundfunks (BR) und PULS Reportage hat ergeben, dass Nutzer in eine Art Filterblase geraten können in der sie in ihrem Feed fast nur noch diese Inhalte von TikTok empfohlen bekommen.

Dies wird besonders bei problematischen Inhalten schwierig. Auf TikTok findet sich der Recherche zufolge ein ganzes Subgenre, unter dem junge Menschen Videos über Depression, Selbstverletzung oder Suizid produzieren. Es nennt sich auch „PainTok“, also Schmerz-Tok.

Anteil der Videos steigt weiter an

Für das Experiment setzten die Journalisten von BR Data mehrere Test-Accounts auf und simulierten das Verhalten von Personen, die sich für Videos zu Depression, Selbstverletzung und Suizidgedanken interessieren. Das Ergebnis: Der Feed bestand nach kurzer Zeit fast nur noch aus solchen Inhalten.

Besonders der sogenannte For-You-Feed passte sich schnell an. Nach etwa 150 Videos war im Schnitt bereits jedes dritte Video mit einem Hashtag zu Themen wie Traurigkeit, Depression, Selbstverletzung und Suizidgedanken versehen, in der Praxis war das nach rund 45 Minuten Nutzungsdauer der Fall.

Als die Accounts weiter mit diesen Inhalten interagierten, stieg der Anteil solcher Videos weiter an. 70 bis 85 Prozent der angezeigten Inhalte bestanden dann aus trauriger Musik und Themen wie psychischen Krankheiten und Selbstverletzung.

Phänomen der schädlichen Subgenres nicht neu

Die Richtlinien von TikTok untersagen es eigentlich, Inhalte zu posten, „in denen Suizid oder Selbstverletzung beworben, gefördert, als normal verharmlost oder verherrlicht werden“.  Die Anfrage des BR, warum sich trotzdem solche Videos auf der Plattform befänden, beantwortete TikTok nicht. Im Dezember 2021 kündigte TikTok an, daran zu arbeiten, den Feed abwechslungsreicher zu gestalten. „Insbesondere bei Inhalten, die einen negativen Effekt haben könnten.“

Das Phänomen der schädlichen Subgrenes auf vornehmlich von Jugendlichen genutzten Plattformen ist jedoch nicht neu. Unter dem Suchbegriff „Pro-Ana“ (Für Anorexie) konnten sich Beiträge von junge Frauen finden, die ihre Magersucht idealisierten. Häufig wurde sich in Foren gegenseitig motiviert, weniger zu essen.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch Türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de.