Berlin/ Jerusalem - Manch einer behauptet, Antisemitismus sei wieder allgegenwärtig. Ich weiß aus eigener, schmerzhafter Erfahrung, dass das nicht stimmt. Er war nie weg. Er wird nur sichtbarer. Allein in den letzten Wochen machten der vereitelte Terroranschlag auf eine Synagoge in Hagen, der Fall Nemi El-Hassan und die Misshandlung eines 60-jährigen jüdischen Mannes in Hamburg Schlagzeilen. 

Im Fall der Synagoge gab es Meldungen, am Tag darauf war das Thema schon nahezu vergessen, ist ja schließlich nichts passiert. Über den Mann in Hamburg hat die Bild-Zeitung groß berichtet, dazu gab es kleinere Meldungen. Obwohl der Mann auf einem Auge fast blind geschlagen wurde, löste der Fall aber keine Wellen der Empörung aus. Im Fall El-Hassan kamen rasch einige Hundert Islamismus-Relativierer und Israelhasser zusammen, um alle als „Nazis“ zu verurteilen, die es wagen sollten eine Muslima, eine Araberin, eine Migrantin für ihre antisemitischen Ausfälle zu kritisieren. Also alles wie immer.

Plötzlich ist ganz Deutschland den Tränen nahe

Doch dann kam Gil Ofarim daher. Und erzählte uns in einer Video-Botschaft von einem antisemitischen Zwischenfall, den er am eigenen Leibe in einem Leipziger Hotel erleben musste. Er war sichtlich schockiert. Den Tränen nahe. Ganz Deutschland fühlt plötzlich mit ihm, ebenfalls den Tränen nahe. Wie konnte es so weit kommen? Offener Antisemitismus, offene Judenfeindlichkeit, und das im Deutschland des Jahres 2021?

Ich frage mich: Wie ehrlich ist die jetzige Empörung wirklich? Was wäre denn bitte passiert, wenn Gil Ofarim auch nur ein unbekannter Mann von nebenan, wie der Herr in Hamburg, gewesen wäre? Oder wenn der Täter, wie im Falle Hagen und Hamburg, ein Araber, ein Migrant gewesen wäre? Würde Deutschland dann ähnlich empört, erschüttert, schockiert sein?

Lassen Sie uns ehrlich sein. Es hat kaum jemanden gejuckt, dass der Mann in Hamburg auf offener Straße am helllichten Tag beinahe blind geprügelt wurde. Schlimm, der Arme, das ist aber fies - und was gibt es zum Abendessen, Liebling? Erst wenn jemandem wie Gil Ofarim, also einem in der Öffentlichkeit bekannten Prominenten, ein (so verurteilungswürdig das Gesagte auch sein mag) dummer Spruch an den Kopf geworfen wird, erst dann schwimmen ganz viele „empörte“ Menschen ganz offensichtlich mit der Masse mit. Wollen solidarisch sein, setzen empörte Tweets ab.

Auf falsche Solidarität kann, will und werde ich dankend verzichten

So äußert sich derzeit fast ganz Deutschland zu diesem Zwischenfall.  Der Club der Islamismus-Relativierer und Israelhasser, die selbsternannten „Kulturschaffenden“, die im Falle El-Hassan innerhalb weniger Tage ein Solidaritätsschreiben aufgesetzt haben, sind bislang übrigens still. Im Falle Gil Ofarim haben sie es bislang nicht geschafft, den Stift in die Hand zu nehmen. Einem Juden haben sie ihre Solidarität bislang nicht ausgedrückt.

Es würde aber auch keinen Unterschied machen. Auf eine gefakte Solidarität, die womöglich auch der Beruhigung des Gewissens dienen soll, kann, will und werde ich dankend verzichten. Viel wichtiger ist, dass deutsche Juden, darunter auch Gil Ofarim und ich, nicht mehr schweigen. Sich nicht mehr beleidigen, bedrohen oder gar körperlich angreifen lassen. Wir blicken alle jenen, die sich gegen uns stellen, direkt in ihre Gesichter. Und sagen klar und deutlich: Nie wieder Opfer.

Arye Sharuz Shalicar ist deutsch-persisch-israelischer Schriftsteller. Er ist in Berlin aufgewachsen, mittlerweile lebt er in Israel. Sein neues Buch „100 Weisheiten um das Leben zu meistern“ erscheint im Oktober 2021.