Wien - Wir entsperren Handys und Rechner damit, können uns mit ihm ausweisen, und für die Polizei ist er ein wichtiges Fahndungsinstrument: der Fingerabdruck. Doch offenbar verrät er noch viel mehr als unsere Identität. Eine österreichische Forscherin hat herausgefunden, dass sich im Schweiß des Fingerabdrucks in nur wenigen Minuten nachweisen lässt, was wir gegessen und getrunken haben.

Jeder Fingerabdruck ist einzigartig. Abgesehen von eineiigen Zwillingen gleicht kein Fingerabdruck dem anderen. Und genau so ist es mit unserem Stoffwechsel – was wir wie verdauen, ist individuell. Nun lässt sich mit einem einfachen Fingerabdruck-Test erkennen, was unser Körper aufgenommen hat. Julia Brunmair von der Universität Wien hat das Verfahren zusammen mit einem elfköpfigen Team entwickelt und genau erforscht: Über unseren Fingerabdruck sondern wir Schweiß ab. Das sind nur wenige Nanoliter, aber diese stecken voller Hinweisgeber zu unserem Lebenswandel. „So konnten wir beispielsweise Koffein in den Fingerspitzen nur 15 Minuten nach dem Trinken eines doppelten Espressos nachweisen“, sagt die Forscherin.

Die winzigen Schweißdrüsen sitzen zwischen den Fingerrillen, und wir selbst bemerken diese Ausdünstungen im Alltag nur sehr selten. Der Schweiß besteht zu 99 Prozent aus Wasser, enthält u.a. aber auch Elektrolyte, Harnstoff, Aminosäuren, Metallionen, Peptide, organische Säuren, Kohlenhydrate sowie Lipide. „Die Zusammensetzung des Fingerspitzen-Schweißes variiert jedoch stark und ist abhängig davon, was wir zu uns nehmen“, erklärt Julia Brunmair.

Auf diese Art lässt sich nicht nur die Ernährungsweise bestimmen, sondern auch, ob die Lebensmittel beispielsweise mit Pestiziden belastet waren. Ebenso kann überprüft werden, ob der Wirkspiegel von Medikamenten angemessen ist oder ob jemand Drogen genommen hat. Auch Hormone konnten die österreichischen Wissenschaftlerinnen extrahieren.

In der Vergangenheit war es bereits möglich, dass mit Hilfe von im Schweiß enthaltenen Proteinen sowohl Tuberkulose als auch Lungenkrebs nachgewiesen werden konnte. Künftig könnten die Fingerspitzen-Tests auch für andere Krankheiten eingesetzt werden oder um den Gesundheitszustand von Patienten zu überwachen. Derzeit muss das mit Blut- oder Urintests gemacht werden. „Das jedoch ist verhältnismäßig aufwendig, und man braucht medizinisch geschultes Personal“, fasst Julia Brunmair zusammen. „Außerdem dauert es in der Regel eine gewisse Zeit, bis die Ergebnisse vorliegen.“

Der Test ist schmerzfrei und dauert keine 15 Minuten

Bei den Fingerspitzen-Tests hingegen geht alles ganz einfach, wie die Wissenschaftlerin in der dazu gehörigen, gerade veröffentlichten Studie schreibt: „Zur Schweißsammlung wurde eine kreisförmige Probenahmeeinheit mit 1,15 Zentimeter Durchmesser eine Minute lang zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten und dann mit einer sauberen Pinzette in ein leeres Röhrchen überführt. (...) Die Probenentnahme mit Schweiß aus den Fingerspitzen erfordert keine Vorbehandlung des Patienten oder geschultes Personal, sie ist sicher und schnell.“

Das runde Trägerpapier namens Precision Wipe ist fusselfrei und wird in vielen Laboren verwendet. Zur Vorbereitung der Probenentnahme braucht man maximal fünf Minuten, das eigentliche Testen und Auswerten dauert exakt 7,5 Minuten. Das heißt: Mit ein bisschen Übung könnte man im Labor nach zehn Minuten Gewissheit haben. „Das wäre beispielsweise für Diabetiker optimal, weil sie zeitnah ihren Blutzuckerspiegel bestimmen können, ohne sich jedoch pieksen zu müssen“, sagt Julia Brunmair. 

Für ihre Studie hat das Forscherteam insgesamt 1792 Proben von 40 Teilnehmenden untersucht. Der Untersuchungszeitraum umfasste zweimal rund vier Wochen. Untersucht wurde zunächst, wie schnell und wie exakt sich Kaffeekonsum nachweisen lässt. Fazit: Ebenso zuverlässig wie beispielsweise in Blutproben. „Allerdings ist unsere Testung nicht-invasiv“, so die Chemikerin. „Im Prinzip kann das jeder machen.“

„Der Fingerspitzen-Test funktioniert auch bei Schmerzmitteln, die wir schnell und sicher nachweisen konnten“, erklärt Julia Brunmair, die entsprechende Testungen auch schon mit Schokolade, Orangen, Brot, Wein und anderen Lebensmitteln durchgeführt hat. Nachweisen lassen sich dann etwa die natürlich im Obst enthaltenen Flavonoide. Diese sind im Schweiß gelöst und erlauben Rückschlüsse über die Ernährungsgewohnheiten einer Person. Oder es werden Pestizide und Fungizide gefunden, die häufig gegen Schimmelpilze und andere Schädlinge eingesetzt werden. „Eigentlich sind die Möglichkeiten mit den Fingerabdruck-Tests unbegrenzt, die Einsatzmöglichkeiten so vielfältig. Und das macht die Forschung daran so spannend“, sagt die Wienerin.

Noch sind nicht alle im Schweiß enthaltenen Stoffe identifiziert. Diese sogenannten Metabolite müssen weiter erforscht werden, sodass eines Tages eventuell auch Umwelteinflüsse per Fingerabdruck gescannt werden können. Julia Brunmair: „Je mehr wir künftig wissen, desto genauer werden wir bestimmen können, wie der individuelle Stoffwechsel eines Menschen funktioniert.“