Berlin - Schwarz-Weiß ist seine Farbe. Für Jim Rakete ist es die hohe Schule der Fotografie. Vor allem mit seinen schwarz-weißen Porträts ist Rakete aufgestiegen vom jungen Pressefotografen, der Willy Brandt Ende der 60er-Jahre während einer Mai-Kundgebung in Berlin ablichtete, zum international gefeierten Fotokünstler. Begleitet wird der Weg von viel Musik, großen Namen und einem Haufen Kreativität. An diesem Freitag wird Jim Rakete 70 Jahre alt.

Er habe „einige der besten Phasen der Fotografie erwischt“, sagt Rakete der dpa in Berlin. Highlights in der Jazzfotografie, Krisenreportagen, Sport, Rock’n’Roll, Mode und eben Porträt. „Fotos waren für große Momente, zur Erinnerung“, so Rakete. Er habe zwar als Reporter begonnen, sei dann aber „rasch zu den Themen abgebogen, die mich wirklich interessierten“. Und die damit verbundenen Menschen. „Die Fotografie war für mich ein Schlüssel zu einer anderen Welt.“

Treffen mit Jimi Hendrix, David Bowie und den Rolling Stones

Dort trifft er Creedence Clearwater Revival hinter der Bühne, Jimi Hendrix, David Bowie am Bahnhof oder die Rolling Stones auf einem Schiff. Rakete konzentriert sich zunehmend auf Porträts, kehrt nach anderen Schwerpunkten immer wieder zurück zur der einen Person gegenüber der Kamera. So wird Fotografie für ihn zu einem Moment, der die Zeit anhält. Mit Jürgen Vogel oder Natalie Portman. Jenny Holzer oder Samuel Beckett.

Beim Blick auf die aktuelle Fotografie ist Rakete skeptisch. „Die iPhone-Welt hat aus der gesamten Erdbevölkerung Fotografen gemacht“, sagt er. „Die schnöde Logik ist: Wenn jeder Fotograf ist, dann ist keiner mehr Fotograf.“ Selfies von heute verstellen für ihn den Blick auf das, was Fotografie mal erzählen wollte. „Ich hege ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Bildern, die mehr über den Fotografen erzählen wollen als über den Fotografierten.“

Foto: imago images/südraumfoto
Der Bildband „Stand der Dinge“ von Jim Rakete.

Raketes Arbeit eröffnet ihm neue Möglichkeiten. Ende der 70er-Jahre entsteht in Berlin die Fabrik Rakete, ursprünglich ein Fotostudio „mit einem Thinktank, aus dem dann aber ein regelrechtes Rockmanagement für viele deutsche Bands wurde“. Auch hier finden sich wieder bekannte Namen: Nina Hagen, Spliff, Nena, Edo Zanki, Interzone, Die Ärzte.

Ende der Achtziger zieht Rakete mit dem Studio nach Hamburg um, arbeitet zudem immer häufiger in den USA. Es geht jetzt viel um Werbung, Videoclips, Mode. Und immer wieder Porträts. Nach Berlin geht es im Jahr 2000 zurück, erneut öffnet er ein Studio in Kreuzberg.

„In der Hauptsache ist es mir immer darum gegangen, gute Ideen zu generieren.“ Bei der jeweiligen Position sei er dann durchaus flexibel. Zudem will sich Rakete stets die Tür einen Spalt offen halten „für die guten, ambitionierten Vorhaben“. Er fotografiert für eine Bethel-Kampagne, porträtiert obdachlose Jugendliche. Für die deutsche Variante von Band Aid lässt er sich 1985 von 23 Bands zum Geschäftsführer machen, sammelt gemeinsam mit vielen anderen Millionen für Afrika. „Dafür haben sogar Rockstars zusammengearbeitet, die sich sonst nicht unbedingt grün waren.“

Der Fotograf bringt jetzt seinen ersten Film in die Kinos

Sein jüngstes Projekt „Now“, Raketes erster Kinofilm, hat wieder viel mit Engagement zu tun. „In meinem Leben ist dieser Film eine Pointe. Ich bin ja mal Fotograf geworden in der 68er-Revolte und habe dafür die Schule sausen lassen. Und nun schließt sich ein Kreis.“ Für den Film hat Rakete die Klimabewegung begleitet. „Gibt es ein größeres Problem für die Menschen seit der Eiszeit? Ich hatte spontan das Gefühl, dass wir denen eine Stimme geben müssen, die vom Klimawandel unmittelbar betroffen sein werden.“

Ihm gefalle sehr, „dass von der jungen Klimabewegung eine Art höflicher Empörung ausgeht und dass diese Proteste, trotz aller Emotionen, sachlich formuliert sind“, sagt Rakete. Die Dokumentation der internationalen Klimabewegung um Greta Thunberg und Luisa Neubauer, die nach coronabedingter Verschiebung 2021 ins Kino kommen soll, hat auch seinen Lebensstil beeinflusst. Den Alltag bestimmten jetzt „Fahrrad und Gemüse, wann immer das möglich ist“.

Ach ja, der Name. Jim Rakete mag gar nicht mehr darüber sprechen. Günther wurde schon als Kind nur Jim genannt. Der Rest geht auf einen Standesbeamten zurück, der den Namen Raquette hugenottischer Vorfahren eindeutschte.