Der brutale und Aufsehen erregende Mord an einer Deutschen und deren zehnjährigem Sohn in einer Höhle auf Teneriffa liegt bereits zwei Jahre und neun Monate zurück - aber der von der spanischen Justiz beschuldigte Familienvater hüllt sich immer noch in Schweigen. Am Dienstag beginnt auf der kanarischen Urlaubsinsel vor einem Geschworenengericht der mit Spannung erwartete Prozess gegen den Mann aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Die große Frage lautet: Wird er vor dem Landgericht in der Inselhauptstadt Santa Cruz de Tenerife endlich aussagen?

Die Ermittlungsrichterin Sofía Román Llamosí ist davon überzeugt, dass der zum Zeitpunkt der Tat auf Teneriffa lebende Angeklagte den Doppelmord begangen hat. Und zwar, weil seine in Halle an der Saale vom ihm getrennt lebende Frau sich scheiden lassen wollte. Als die Familie ihn auf der Insel besucht habe, habe der damals 44-Jährige seine Gattin und die beiden Söhne am 23. April 2019 unter einem Vorwand in eine abgelegene Höhle im Süden Teneriffas gelockt. Dort habe er die „sich verzweifelt wehrende“ 39-Jährige und den älteren Sohn, der die Mutter habe verteidigen wollen, mit Faustschlägen und Steinen „brutal“ zu Tode geprügelt.

Siebenjähriger überlebt den Angriff durch Flucht

Der jüngere Sohn, damals nur sieben Jahre alt, überlebte den Ermittlungen zufolge wie durch ein Wunder. „Trotz seines jungen Alters war er sich der extremen Gefahr bewusst. Er floh und wanderte stundenlang allein durch den Busch, wobei er mehr als vier Kilometer auf einem schmalen Pfad zurücklegte“, heißt es im Abschlussbericht der Untersuchungsrichterin. Der Vater sei davon ausgegangen, dass der Kleine in der Wildnis nicht überleben werde.

Doch das hilflos umherirrende, weinende und unter Schock stehende Kind wurde nach einigen Stunden von einer auf der Insel wohnenden Niederländerin und anderen Passanten aufgegriffen und zur Polizei gebracht. Der Junge belastete seinen Vater schwer. Noch am Abend nahmen Beamte den Mann - der auf Teneriffa wohnte und sich als Koch verdingte - in dessen Wohnung in Adeje etwa zehn Kilometer vom Tatort entfernt fest. Wie die Richterin schrieb, hatte er sich nach der Tat „der blutbefleckten Kleidung entledigt, gewaschen, umgezogen und ins Bett gelegt“.

Dem Angeklagten wird nun zweifacher Mord sowie Mordversuch in einem Fall zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft fordert für ihn unter anderem eine lebenslange Freiheitsstrafe, die in Spanien aber nach 25 Jahren überprüfbar ist. „Die Geschworenen müssen entscheiden, aber ich bin davon überzeugt, dass er schuldig ist“, sagte im Interview des TV-Senders RTVC der auf Teneriffa für häusliche Gewalt zuständige Staatsanwalt José Luis Sánchez-Jáuregui.

Angeklagter Familienvater schweigt

Wird der Deutsche vor Gericht die Vorwürfe ganz oder teilweise zurückweisen? Die neun Geschworenen, die am Montag ausgewählt wurden, von seiner Unschuld zu überzeugen versuchen? Oder gibt er die Tat unumwunden zu? Bis jetzt blieb er einfach stumm. „Während des Prozesses könnte sich das ändern“, sagte sein deutscher Anwalt Volker Gößling im Exklusiv-Interview der Mitteldeutschen Zeitung.

Der 58-Jährige Jurist aus Wittenberg, der in Spanien seinen prozessführenden kanarischen Kollegen Alberto Suárez Bruno unterstützen wird, beklagt eine „Vorverurteilung“ durch spanische Medien. Schlagzeilen wie „So lockte der Vater seine Familie in die Todes-Höhle“ könnten die Unbefangenheit der Jury und „die Fairness im Verfahren“ gefährden, befürchtet er. Für die Verteidigung stellt sich unter anderem die Frage, ob ihr Mandant zum Tatzeitpunkt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Das werde im Prozess „über Gutachter thematisiert werden“, erklärte Gößling.

Bald wird man mehr wissen: Nach acht Verhandlungstagen wird der Prozess am 3. Februar zu Ende gehen. Anschließend müssen die Geschworenen über verschiedene Aspekte abstimmen - unter anderem den des Vorsatzes. Über das Strafmaß entscheidet bei einer Verurteilung der Richter. Auf Milde darf der Deutsche bei einem Schuldspruch nicht hoffen. In Spanien wird der Kampf gegen häusliche Gewalt sehr ernst genommen. Die Gerichte urteilen streng und die Medien berichten ausführlich - auch wenn „nur“ Unbekannte verwickelt sind.

Ministerpräsident: „Die Macho-Gewalt schlägt wieder doppelt zu“

Nach der Tat zeigte sich deshalb seinerzeit auch Ministerpräsident Pedro Sánchez erschüttert. „Die Macho-Gewalt schlägt wieder doppelt zu“, schrieb der Sozialist damals auf Twitter. Sánchez verurteilte die Gewalt gegen Frauen und Kinder und forderte, man müsse dieser Geißel endlich „ein Ende bereiten“.