Offenbach/Berlin - Mit massenhaft Schnee, Glatteis und heftigem Wind hat Tief „Tristan“ am Sonntag der Nordhälfte Deutschlands einen massiven Wintereinbruch beschert. Die Bahn musste nach eigenen Angaben zahlreiche Verbindungen einstellen, auf unzähligen Straßen im Norden und in der Mitte Deutschlands waren Räumdienste im Dauereinsatz. Offenbar folgten aber viele Menschen den dringenden Bitten der Behörden, auf Autofahrten zu verzichten und zuhause zu bleiben.

Bis in die Nacht zum Montag rechnen die Meteorologen mit Schneechaos. In der nördlichen Mitte Deutschlands sei mit 15 bis 40 Zentimeter Neuschnee und Schneeverwehungen bis über einen Meter zu rechnen, hieß es beim Deutschen Wetterdienst (DWD). In Nordrhein-Westfalen erwarteten die Meteorologen weiter starke Schneefälle und gefährlichen Eisregen.

Minister: Menschen sollen am Montag zu Hause bleiben

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat den vom Schneechaos betroffenen Menschen in Deutschland geraten, am Wochenbeginn besser zu Hause zu bleiben. Man könne nicht garantieren, im Laufe des Montags den Bahnverkehr wieder zum Laufen zu bekommen, sagte Scheuer nach einer Lagebesprechung am Sonntag bei Bild live.

Das Glatteis werde weniger, aber der Schnee höre nicht auf. Der Wind mache „megamäßig“ Probleme, vor allem mit Schneeverwehungen. Betroffen seien auch die Autobahnen und die Bahn. Das heiße, in Absprache mit dem Arbeitgeber „lieber zu Hause zu bleiben“, so der Minister. Heftige Schneefälle hatten am Sonntag den Bahn- und Straßenverkehr teilweise lahmgelegt.

Am Dienstag lassen die Schneefälle dann größtenteils nach, außer an der Küste. Für die Nächte sagen die Meteorologen klirrende Kälte vorher, häufig mit Frost unter minus zehn Grad. Lokal sind insbesondere über Schneeflächen bis zu minus 20 Grad möglich.

Massive Behinderungen bei der Bahn: Verkehr auch am Montag deutlich eingeschränkt

Die Deutsche Bahn stellte, wie bereits am Freitag angekündigt, viele Verbindungen ein, auch um ein mögliches Liegenbleiben der Züge auf offener Strecke zu verhindern. Betroffen waren nach Angaben des Unternehmens unter anderem die Strecken zwischen Berlin, Hannover und Dortmund/Köln sowie Hamburg und Dortmund/Köln. Auch der Fernverkehr zwischen Deutschland und den Niederlanden wurde bis auf weiteres eingestellt.

In mehreren Bundesländern wurde darüber hinaus eine Vielzahl von Regionalverbindungen gestrichen. So meldete die Bahn beispielsweise in Nordrhein-Westfalen Störungen unter anderem auf den Strecken zwischen Münster und Recklinghausen, Duisburg und Düsseldorf sowie Duisburg und Krefeld.

An Bahnhöfen, die besonders schwer von dem Winterunwetter betroffen waren, stellte die Bahn Aufenthaltszüge bereit – so in Hamburg, Hannover, Dortmund, Münster, Halle/Saale, Leipzig und Kassel. In den Zügen konnten festsitzende Reisende sich aufwärmen. 

Der Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn wird auch am Montag wegen der starken Schneefälle und des heftigen Windes deutlich eingeschränkt sein.

Foto: dpa/Peter Gercke
Die Bahn kämpft gegen die Schneemassen – hier auf dem Bahnhof in Magdeburg.

Auch Regionalzüge und S-Bahnen in der Hauptstadtregion betroffen

Einschränkungen im Bahnverkehr gibt es auch in Berlin und Brandenburg. Wegen des extremen Wintereinbruchs kommt es im gesamten Berliner S-Bahn-Netz zu Verspätungen und Ausfällen. Grund seien witterungsbedingte Störungen an der Infrastruktur sowie an den Zügen, teilte die S-Bahn Berlin am Sonntagabend mit.

Im Süden Brandenburgs kommt es wegen starker Schneefälle zu Einschränkungen im Regionalverkehr. Beim RE 1 zwischen Magdeburg und Cottbus fallen Züge zwischen Burg (Spreewald) und Magdeburg Hauptbahnhof aus, wie die Deutsche Bahn am Sonntag mitteilte.

Der Zugverkehr zwischen Doberlug-Kirchhain und Leipzig Hauptbahnhof (RE 10) sei eingestellt, ebenso wie der zwischen Calau und Senftenberg (RB 24) sowie der Verkehr der Regionalbahn 49 zwischen Cottbus und Falkenberg (Elster).

Auch der Fernverkehr ist betroffen. Der Bahnverkehr zwischen Berlin und Frankfurt am Main über Braunschweig/Kassel sei bis auf weiteres eingestellt, gleiches gelte für die Strecke zwischen Berlin, Hannover und Dortmund/Köln.

Den Angaben zufolge fuhren mindestens bis in die Nachmittagsstunden auch keine Fernzüge zwischen Berlin, Leipzig/Halle und Erfurt. Zwischen Hamburg und Berlin sei der Bahnverkehr reduziert.

In Cottbus behindern Schneeverwehungen den Straßenbahnverkehr in der Stadt. Auf allen Linien müsse mit Verspätungen gerechnet werden, sagte Robert Fischer, Sprecher der Cottbusverkehr GmbH, auf Anfrage. In den Schienen habe sich zudem Schnee zu einer Eisschicht festgefahren. Das müsse entfernt werden. Aufgrund der Behinderungen fahren die Bahnen langsamer. „Der Sonntagsfahrplan kann aktuell nicht eingehalten werden“, sagte Fischer.

Foto: Peter Gercke
Magdeburg am Sonntagmorgen: Eine Straßenbahn steckt auf dem Breiten Weg im Schnee fest.

Hessen: Sattelzüge hängen fest

Der Lastwagenverkehr auf den Autobahnen in Osthessen kam in der Nacht zum Sonntag zeitweise zum Erliegen. Mehr als 55 Sattelzüge hätten aufgrund der glatten Fahrbahn und ihres Gewichts die Steigungen nicht überwinden können, teilte die Polizei in Bad Hersfeld am Sonntag mit.

In der Steigungsstrecke im Knüllwald zum 448,1 Meter hohen Pommer in Richtung Kassel wäre der Verkehr von Mitternacht bis vier Uhr morgens komplett gestoppt. 35 Sattelzüge hatten sich aufgrund der Schneeglätte auf allen drei Fahrspuren festgefahren. Mehrere Streifen der Autobahnpolizei und Streufahrzeuge konnten den Verkehr nach vier Stunden wieder zum Fließen bringen. In der Gegenrichtung war die Steigungsstrecke zum Pommer für etwa zwei Stunden blockiert – zehn Sattelzüge hatten sich festgefahren.

Etwa zehn Sattelzüge waren zuvor an der Autobahn 7 nahe Kirchheim liegen geblieben. Die anderen Fahrbahnen waren weiter offen. Die Steigung nach Friedewald auf der Autobahn 4 konnten ebenfalls mehrere Sattelzüge nicht überwinden. Sie blockierten die Autobahn aber nicht vollständig.

Mitteldeutschland: Privates Bahnunternehmen stellt Verkehr ein

Das Unternehmen Abellio Rail Mitteldeutschland hat am Sonntagmorgen wegen starken Schneefalls und Schneeverwehungen seinen Zugverkehr vorübergehend gestoppt. Schienenersatzverkehr könne wegen der Verwehungen nicht angeboten werden, teilte das Bahnunternehmen in Halle mit. Betroffen sind den Angaben zufolge die Strecken von Halle, Dessau und Magdeburg in Richtung Bernburg, Aschersleben und Halberstadt sowie die gesamte Harzregion.

Ebenso die Verbindungen von Stendal und Magdeburg in Richtung Wolfsburg und die Strecken von Halle in Richtung Kassel. Auch von Halle/Leipzig in Richtung Weimar-Erfurt-Eisenach sowie in Richtung Jena-Saalfeld fahren keine Züge mehr. Gleiches gilt für die Strecke Sangerhausen-Erfurt.

Autobahnen bei Bielefeld gesperrt

Wegen des heftigen Wintereinbruchs hat die Stadt Münster ihren Busverkehr am Sonntagmorgen komplett eingestellt. „Schnee und glatte Straßen machen eine sichere Fahrt unmöglich“, teilten die Stadtwerke am Sonntagmorgen mit. Die Entscheidung gelte „bis auf Weiteres“ – man werde die Wetterlage genau beobachten. In Münster waren in der Nacht zum Sonntag innerhalb kurzer Zeit 20 bis 30 Zentimeter Schnee gefallen.

Seit Samstagnachmittag ist es in Nordrhein-Westfalen zu bislang 222 Unfällen aufgrund des Wetters gekommen, sagte ein Sprecher der Landesleitstelle der Polizei am frühen Sonntagmorgen. Dabei seien zwei Menschen schwer und 26 leicht verletzt worden. Der Sachschaden belaufe sich auf etwa eine Million Euro. Der WDR hatte zuvor berichtet.

Die Autobahn war auf einigen Strecken gesperrt, anderswo ging es nur im Schneckentempo voran. Besonders betroffen sind Ostwestfalen und das Ruhrgebiet. Auf den Autobahnen in den Regierungsbezirken Münster und Detmold ordneten die Behörden ein Fahrverbot für Lastwagen ab 7,5 Tonnen an. Es gelte vorerst bis 12 Uhr, sagte ein Sprecher der Landesleitstelle der Polizei am Sonntagmorgen.

In Bielefeld sperrte die Polizei die Autobahn 2 am Bielefelder Berg. Weil starker Wind immer neuen Schnee auf die Fahrbahn wehte, kamen die Räumfahrzeuge nicht hinterher. Der Deutsche Wetterdienst hatte im Vorfeld bereits gewarnt, dass vor allem Schneeverwehungen zu Problemen führen könnten. Ein starker Ostwind wehte den nächtlichen Neuschnee immer wieder auf die gerade geräumten Fahrbahnen.

Foto: dpa/Jens Büttner
Ein Traktor mit einem Schneepflug räumt eine mit Schnee zugewehte Straße auf der Insel Rügen bei Putgarten.

Wuppertal: Menschen aus Schwebebahn befreit

Einsatzkräfte haben sechs Menschen aus einer Schwebebahn in Wuppertal befreit. Die Bahn konnte wegen des eisigen Wetters nicht mehr fahren und sei stehen geblieben, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Die Fahrgäste wurden mit Drehleitern aus luftiger Höhe befreit. Alle seien unverletzt.

Auf vielen weiteren Autobahnen im Ruhrgebiet kam es nach Angaben der Verkehrszentrale NRW zu Staus und Verzögerungen – Autos konnten vielerorts nur sehr langsam fahren. „Wo der Räumdienst war, türmt sich kurze Zeit später wieder der Schnee“, berichtete eine dpa-Reporterin aus dem Kreis Minden-Lübbecke im äußersten Nord-Osten Nordrhein-Westfalens.

Ganz anders zeigte sich das Wetter am Sonnabend hingegen im Süden, wo deutlich mildere Temperaturen erwartet wurden. Der Grund: Während über der Mitte Deutschlands Kaltluft arktischen Ursprungs liegt, lenken laut DWD Tiefdruckgebiete über Westeuropa sehr milde Luft nach Bayern und Baden-Württemberg.

Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrichl
6.40 Uhr in Hannover: Ein Räumfahrzeug fährt bei Schneefall über den Aegidientorplatz im Stadtzentrum.