Von Drogenmafia bedroht: Niederländische Kronprinzessin in Gefahr

Noch können Sicherheitsauflagen für Catharina-Amalia nicht aufgehoben werden. Wie plant die Justiz gegen die Mafia vorzugehen?

Die niederländische Kronprinzessin Catharina-Amalia
Die niederländische Kronprinzessin Catharina-AmaliaANP/AFP/Robin van Lonkhuijsen

Aufgrund gegen sie gerichteter Drohungen ist die niederländische Kronprinzessin Catharina-Amalia aus ihrer Studentenunterkunft in Amsterdam ausgezogen. Die 18-Jährige sei zurück in den Palast in Den Haag gezogen und verlasse diesen nur noch, um Kurse an der Universität von Amsterdam zu besuchen, teilte die Königsfamilie am Donnerstag mit. Ihr Vater König Willem-Alexander sprach während eines Staatsbesuchs in Schweden von einer „sehr harten“ Situation für seine älteste Tochter.

„Das hat riesige Auswirkungen auf ihr Leben“, zitierte das niederländische Nachrichtenportal AD Königin Maxima. Catharina-Amalia könne nicht mehr in Amsterdam leben und nicht mehr ausgehen. „Kein Studentenleben für sie, wie es andere Studenten haben“, sagte ihre Mutter. Sie versuchte noch zu witzeln: „Vielleicht kriegt sie ja jetzt extragute Zensuren.“ Aber zum Lachen ist keinem zumute. „Es ist nicht schön, dein Kind so zu sehen. Sie kann zur Universität gehen, aber das ist es dann auch.“

Catharina-Amalia studiert in Amsterdam im ersten Jahr eine Kombination aus Politik, Psychologie, Jura und Wirtschaft und strebt einen Bachelor-Abschluss an.

Steckt berüchtigte Mokro-Mafia hinter der Bedrohung?

Weder Polizei noch Regierung machen Angaben darüber, wer hinter der Bedrohung steckt. Doch Kriminalreporter denken, dass die sogenannte Mokro-Mafia verantwortlich ist – brutale Banden, die den Kokainhandel in den Niederlanden und Belgien beherrschen. Beide Länder sind die größten Drogenumschlagplätze in Europa. Einer der berüchtigtsten Drogenbosse ist Ridouan Taghi (44). Ihm und einer großen Zahl seiner Komplizen wird zurzeit in Amsterdam wegen zahlreicher Morde der Prozess gemacht. 

Was genau die Banden mit der Bedrohung oder Entführung der Kronprinzessin bezwecken wollten, ist unklar. Hier geht es kaum um die Erpressung von Lösegeld wie bei anderen Kindern aus reichem Hause. Kriminalexperten schließen nicht aus, dass etwa Drogenboss Taghi freigepresst werden sollte. Möglich ist auch, dass die Kriminellen mit einer Entführung Angst und Schrecken verbreiten wollten. Der Anwalt Peter Schouten sagte im niederländischen Fernsehen: „Sie wollen zeigen, dass sie sehr mächtig sind und dass niemand sicher ist vor ihnen. In dem Fall ist es besonders schrecklich, weil Amalia es sich nicht ausgesucht hat.“

Taghis Bande soll auch für Mord an Peter de Vries verantwortlich sein

Dafür gibt es bereits Beispiele: der Mord am Kriminalreporter Peter R. de Vries im Sommer 2021 etwa. Auch dafür soll Taghis Bande verantwortlich sein. Der prominente Reporter war mitten auf der Straße in Amsterdam niedergeschossen worden und erlag später seinen Verletzungen. Er war Vertrauensperson des Kronzeugen gegen Taghi. Zuvor waren bereits der Bruder des Kronzeugen und der Verteidiger ermordet worden.

Der Mord an Peter R. de Vries wird inzwischen als terroristische Tat eingestuft. Zwei erst kürzlich festgenommene Männer hatten der Anklage zufolge den Auftrag bekommen, den Mord zu filmen und die Bilder über die sozialen Medien zu verbreiten. „Das sind erschreckende Bilder“, sagte die Staatsanwaltschaft. „Ihre Verbreitung weist auf eine terroristische Absicht.“

Niederländischer Regierungschef zeigt sich besorgt

Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sprach von einer „schrecklichen“ Lage. Er sei „sehr besorgt“, fügte er im öffentlich-rechtlichen Sender NOS hinzu.

„Ich garantiere, dass unsere Sicherheitsbehörden Tag und Nacht arbeiten, um ihre Sicherheit sicherzustellen“, schrieb Justiz- und Sicherheitsministerin Dilan Yesilgöz-Zegerius auf Twitter zu den Drohungen gegen die Kronprinzessin. Die niederländische Zeitung De Telegraaf hatte im vergangenen Monat berichtet, die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Prinzessin seien verstärkt worden – aus Angst, Kriminelle könnten die 18-Jährige angreifen oder entführen.

Mafia-Strukturen in den Niederlanden

Auch eine Entführung ist längst keine Räuberpistole mehr: Erst vor wenigen Wochen hatte die belgische Polizei die Entführung des Justizministers Vincent Van Quickenborne vereitelt. Er hatte der Drogenkriminalität den Kampf angesagt. Bei seiner Wohnung hatten die Ermittler ein Auto mit Kalaschnikows und gefüllten Benzinkanistern sichergestellt. Die vier Hauptverdächtigen sind Niederländer und wurden in der Region Den Haag festgenommen.

Anschläge wie diese sind für den niederländischen Kriminologen Professor Cyrille Fijnhout Kennzeichen der mafiaähnlichen Strukturen. „Wir sehen, dass die Grundzüge der Mafia übernommen werden bis zur höchsten Ebene, wie Gewalt gegen den Staat“, sagte der Professor der Tageszeitung De Volkskrant.

Italien als Vorbild im Kampf gegen die Mafia

Justizministerin Dilan Yesilgöz-Zegerius schaut nun gezielt nach Italien und dessen Kampf gegen die Mafia. „Wir können sehr viel von Italien lernen, wie man die Machtstrukturen zerschlagen kann“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Die Niederlande wollen zum Beispiel ihre Strafgesetze nach italienischem Vorbild verschärfen.

Wann der Albtraum für Amalia vorbei sein wird und sie wieder in ihre eigene Wohnung zurückkehren kann, ist unklar. „Wir tun alles, damit die Situation so kurz wie möglich dauert“, versprach Rutte.

Die Niederländer hätten Amalia ein unbeschwertes Studentenleben gegönnt. Auch wenn es sicher nicht normal ist, dass die Eltern ein vierstöckiges Grachtenhaus mieten und man immer vier Bodyguards im Gefolge hat. „Dein Herz weint doch“, sagte stellvertretend für viele die Amsterdamer Bürgermeisterin Femke Halsema, „dass so eine junge Frau, die sowieso schon wegen ihrer geerbten Position in ihren Freiheiten eingeengt ist, so unfrei gemacht wird“.