Berlin - Immer wieder sprechen Politiker von einer „Pandemie der Ungeimpften“. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnte jüngst sogar vor einer „Tyrannei der Ungeimpften“. Dahinter steht der Vorwurf, dass vor allem Impfverweigerer zur schlechten Corona-Lage beitragen – und auch für verschärfte Maßnahmen verantwortlich sind. Der Berliner Virologe Christian Drosten widerspricht: „Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie“, betont er im Interview mit der Zeit. Es gebe eine Pandemie, „zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger“.

Ein Kernproblem sieht Drosten darin, dass die vorhandenen Impfungen nur bedingt der Deltavariante des Coronavirus standhalten. „Nach zwei, drei Monaten beginnt der Verbreitungsschutz der Impfung zu sinken“, sagt er. Gerade die älteren Menschen seien bereits im Frühjahr geimpft worden. „Die verlieren jetzt allmählich ihren Verbreitungsschutz, und sie werden immer mehr“, so Drosten. Ein zweites Problem habe allerdings tatsächlich damit zu tun, dass es eine größere Zahl von Ungeimpften gibt. Bei den über 60-Jährigen liege die Quote der vollständig Geimpften bei 86 Prozent. „Das ist irrsinnig, das ist wirklich gefährlich“, so Drosten weiter. 

Drosten: Booster-Kampagne könnte Schlimmeres verhindern

Einen möglichen Ausweg aus der sich verschlechternden Pandemie-Lage sieht der Virologe in Auffrischungsimpfungen. „Was man jetzt noch machen könnte, wäre, mit großem Elan eine Booster-Aktion durchzuführen, eine Kampagne für Drittimpfungen bei allen, die jetzt schon geimpft sind, beginnend bei den Alten“, sagt Drosten. So könne man womöglich für die Dauer des Winters den Herdenschutz gewährleisten. Im Idealfall gelinge beides: Boostern und bestehende Impflücken schließen. Aber die Frage bleibe, wie viele Menschen dabei mitziehen würden. 

Drosten: Forderungen nach mehr Tests sind unrealistisch

Daneben blieben nicht viele Möglichkeiten: Forderungen nach mehr Tests hält Drosten für unrealistisch. Und für einen spürbaren Testeffekt brauche man wieder zehn Millionen Tests pro Woche wie im Frühjahr. Mangels Alternativen werde man, so Drosten, wieder zu kontakteinschränkenden Maßnahmen greifen müssen. Ob das rechtlich haltbar sei, wisse er nicht. Übrig bleibe dann ein 2G-Modell, also letztlich doch ein Lockdown für Ungeimpfte. „Ob das noch im November die Inzidenz senkt – ich habe da meine Zweifel“, sagt Drosten. Die Fallzahlen steigen aktuell rasant weiter.