Zhinwar M. ist Jesidin, wurde in Bielefeld geboren und hatte einen westlichen Lebensstil. Bei Instagram postete sie viele Fotos von sich, auch in bauchfreier Kleidung. Jetzt ist das junge Mädchen nach einer Reise in den Irak verschwunden. Mordkommission und Staatsanwaltschaft haben die Familie von Zhinwar M. im Verdacht. Sie ermitteln den Angaben zufolge gegen den Vater, die Mutter und den erwachsenen Bruder. Die drei Jesiden werden verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun zu haben. Der westliche Lebensstil der junge Frau soll zuvor zu erheblichen Konflikten in der traditionell verwurzelten Familie geführt haben, schreibt das Westfalen-Blatt.

Dem Bericht zufolge soll die Familie mit Gewalt versucht haben, die Schülerin zu einer Änderung ihres Lebensstils zu zwingen. Auf die Frage, ob Zhinwar in ihrem Elternhaus geschlagen worden sei und es in diesem Zusammenhang eine Anzeige bei der Polizei gegeben habe, sagte der Leiter der zuständigen Mordkommission Markus Mertens: „Fragen Sie den Staatsanwalt.“ Als gesichert gilt dem Bericht zufolge aber, dass die Schülerin von einem Mitarbeiter des Bielefelder Jugendamts betreut wurde.

Die Jesidin mit irakischen Wurzeln war am 9. April 2022 für die Osterferien mit Verwandten in die Türkei gereist. Die Eltern gaben gegenüber der Polizei an, Zhinwar wollte sich dort angeblich einer Zahn-OP unterziehen. „Wir kennen den Flug, mit dem die Gruppe am 9. April in die Türkei gereist ist“, sagt Markus Mertens. Zu der Gruppe sollen Zhinwar, ihre Eltern und mindestens einer von Zhinwars Brüdern gehört haben.

Die Familie steht auch unter Verdacht, weil sie nur bedingt mit der Polizei kooperiert. Mertens: „Wer der Zahnarzt war, sagt man uns beispielsweise nicht.“ Aber dass an den Zähnen etwas gemacht worden sei, sei sicher, Zhinwar habe stolz entsprechende Fotos gepostet, schreibt das Westfalen-Blatt weiter. Später sei die Familie dann von der Türkei in den Irak gereist. Warum und auf welchem Weg ist nicht bekannt, es gibt keine Stempel in den Papieren. Am 24. April meldete sich Zhinwar nach Polizeiangaben zum letzten Mal über ihr Handy. Seitdem ist das Telefon nicht mehr im Netz aktiv. Am Tag darauf will die Familie aus dem Irak zurück nach Deutschland geflogen sein – ohne Zhinwar.

Vom Verschwinden des Mädchens erfuhr die Polizei aber nicht von der Familie, sondern von Freundinnen der Schülerin. Diese hätten sich laut Polizei Sorgen um Zhinwar gemacht, „als sie nach den Ferien in der Schule fehlte und ihr Handy stumm blieb“. Zuvor war sie, so Mordkommissions-Leiter Mertens, „ständig auf Instagram und postete die typischen Fotos, aus denen viele Mädchen der Generation ihr Selbstwertgefühl schöpfen“.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Familie schaltet der Vater von Zhinwar einen Anwalt ein. Laut Medienberichten sagt der Jurist Andreas Chlosta: „Die Familie ist ratlos und es trifft sie hart, dass Vorwürfe gegen sie erhoben werden”, sagt der Anwalt. Zhinwars Vater ließ über den Anwalt weiter mitteilen: „Wir waren mit Zhinwar in Istanbul. Dort sollten ihre Zähne gerichtet und gebleicht werden. Der Arzt wollte sie aber nicht behandeln. Deshalb flogen wir in den Irak, wo die Behandlung durchgeführt wurde.” Die Familie habe eingeräumt, dass es zuvor Probleme mit der Tochter gab und befürchtet worden sei, dass sie sich in falschen Kreisen bewege. Anwalt Chlosta: „Gerüchte von gewalttätigen Übergriffen bestreitet der Vater. Er sei auch nicht sonderlich religiös oder traditionell.“

Theoretisch ist es nach Polizeiangaben möglich, dass das Mädchen aktuell im Irak gefangen gehalten wird, um es so vom westlichen Leben fernzuhalten. „Wenn das so wäre, würde Zhina zumindest noch leben und die Perspektive haben, vielleicht irgendwann zu entkommen“, sagt Mertens. Er befürchtet aber, dass die Schülerin tot ist. Für die Polizei in Deutschland ist es zudem schwer, im Irak zu ermitteln, weil es dort keine Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes gibt. Dennoch hofft Mertens, dass es „in der jesidischen Community Menschen geben könnte, die uns weiterhelfen könnten. Es wäre schön, wenn sie sich melden – wie andere Hinweisgeber auch“. Hinweise erbittet die Mordkommission unter 0521/545-0.