Ein einziger Moment ändert alles: ARD-Drama „Kalt“

Ein Moment der Unaufmerksamkeit. Ein Unfall. Ein Kind stirbt. Für eine junge Erzieherin bricht dadurch ihr ganzes Leben zusammen.

HANDOUT - Robert (Bozidar Kocevsk) versucht seiner Frau Kathleen (Franziska Hartmann) Trost zu spenden:  pa
HANDOUT - Robert (Bozidar Kocevsk) versucht seiner Frau Kathleen (Franziska Hartmann) Trost zu spenden: paMichael Kotschi/WDR/kineo Film/d

Berlin-Schon in den ersten Minuten beginnt der Zuschauer zu frösteln. Eine junge Frau stapft durch einen einsamen Winterwald an einem trüben Novembertag. Warum sie so gepeinigt schaut, erzählt der Film „Kalt“, der am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist.

Die Frau heißt Kathleen Selchow (Franziska Hartmann), sie arbeitet seit vielen Jahren als Erzieherin in einer Berliner Kita. Bei einem Ausflug in den nahe gelegenen Wald übernimmt sie eine Gruppe von 17 Kindern - und die Verantwortung. Beim Durchzählen bemerkt sie, dass zwei Kinder fehlen. Die Kolleginnen (die vorne und an der Seite mitgelaufen sind) haben das Verschwinden ebenfalls nicht bemerkt. Der Junge ist ertrunken, obwohl er schwimmen kann. Das Mädchen wird schwer verletzt gefunden.

Kommissarin Leila Storm (Anne Ratte-Polle) übernimmt die Ermittlungen. Nico war der Sohn von Nachbarin Melanie (Patricia Aulitzky) direkt gegenüber, und ein Freund von Kathleens Sohn Luca (Johann Barnstorf), der ebenso unter dem Geschehen leidet wie sein Vater Robert (Božidar Kocevski). Die Eltern in der Kita wenden sich von ihr ab, die Kolleginnen zerstreiten sich, und gegen Kathleen wird Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.

Franziska Hartmann (38, „Eine fremde Tochter“) ist in nahezu jeder Szene im Bild. Sie spielt eine völlig verzweifelte Frau, die einen verhängnisvollen Fehler begangen hat und schrecklich darunter leidet, dass sie während der Arbeit versagt und ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hat. Sie stellt das derart grandios dar, dass ihr gepeinigtes Gesicht sich fast einbrennt beim Betrachter des Films. Aber auch alle anderen Schauspieler agieren ganz hervorragend - insbesondere die Kinder.

Der beeindruckende Film von Regisseur Stephan Lacant (50, „Freier Fall“) erzählt eine ganz schreckliche Geschichte, die weit weg scheint und doch ganz nah ist - Fehler machen die Menschen nahezu jeden Tag. Hier ist er gravierend und betrifft gleich zwei Familien, deren vermeintlich sicherer Alltag völlig aus den Fugen gerät.

Hinzu kommen eine beklemmend kühle Atmosphäre in einer trostlos wirkenden, eng bebauten Neubausiedlung, eine erdrückende Gesprächslosigkeit zwischen den Familien, und ergreifende Rückblenden in verschwommenen Bildern. Die Farben sind düster, die Musik etwas zu schwermütig. Das Frieren von Kathleen überträgt sich ganz allmählich auf den Zuschauer, der - gebannt von dieser ganz ruhig erzählten Geschichte - förmlich mit ihr mit leidet. Ein relevanter Film.