„Einsamster Mann der Welt“ ist tot: Stamm im Urwald ausgestorben 

Viehzüchter und Bergleute töteten seine Freunde und Familie. 26 Jahre lang lebte er isoliert im Dschungel. Nun wurde seine Leiche entdeckt.

Eine Szene aus einem Zeugenvideo von 2018: Der „Mann des Lochs“ hackt im Dschungel auf einen Baum ein. Das Video wurde von Mitarbeitern der Behörde Funai veröffentlicht. 
Eine Szene aus einem Zeugenvideo von 2018: Der „Mann des Lochs“ hackt im Dschungel auf einen Baum ein. Das Video wurde von Mitarbeitern der Behörde Funai veröffentlicht. Funai/Youtube

In der Blüte seines Lebens von anderen Menschen verdrängt und gejagt, lebte er mehr als 20 Jahre lang völlig isoliert. Am Ende seines einsamen Lebensabends habe er nur noch auf den Tod gewartet. Es ist die traurige Geschichte des „einsamsten Mannes der Welt“, der nur eines wollte: im Einklang mit der Natur leben. Nun ist das letzte Stammesmitglied einer unkontaktierten indigenen Gruppe im brasilianischen Urwald gestorben. Das bestätigten örtliche Behörden laut einem Medienbericht der BBC. 

„Der Mann des Lochs“, wie er von Einheimischen genannt wurde, wurde am 23. August leblos in einer Hängematte außerhalb seiner Strohhütte gefunden. Es gab keine Anzeichen von Gewaltanwendung, hieß es. Experten gehen davon aus, dass er im Alter von schätzungsweise 60 Jahren eines natürlichen Todes gestorben ist. Der Mann, von dem niemand weiß, wie er wirklich hieß, war der letzte Angehörige einer indigenen Gruppe, die im Tanaru-Gebiet im Bundesstaat Rondônia an der Grenze zu Bolivien lebte. Er habe die letzten 26 Jahre in völliger Isolation gelebt.

Die Leiche des Mannes war mit Federn geschmückt

Bei einer Routinestreife der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (Funai) fand der Mitarbeiter Altair José Algayer die mit Arafedern bedeckte Leiche des Mannes in einer Hängematte vor einer seiner Strohhütten. Der indigene Experte Marcelo dos Santos sagte gegenüber den lokalen Medien, er glaube, der Mann habe sich mit den Federn geschmückt, weil er wusste, dass er bald sterben werde. „Er hat auf den Tod gewartet, es gab keine Anzeichen von Gewalt“, sagte er und fügte hinzu, dass der Mann wahrscheinlich 40 bis 50 Tage vor dem Auffinden seiner Leiche gestorben war.

Es wird angenommen, dass die meisten Mitglieder seines Stammes bereits in den 1970er Jahren von Viehzüchtern getötet wurden, die ihr Land erweitern wollten. Im Jahr 1995 wurden sechs der verbliebenen Mitglieder seines Stammes bei einem Angriff illegaler Bergleute getötet, sodass er der einzige Überlebende war, berichtet die BBC. Die Behörde Funai erfuhr erst ein Jahr später von seinem Überleben und hatte das Gebiet seitdem zu seiner eigenen Sicherheit überwacht.

Funai-Mitarbeiter filmen den Mann im Dschungel

Da er jeden Kontakt mit Außenstehenden vermieden hatte, ist nicht bekannt, welche Sprache der Mann sprach oder welcher ethnischen Gruppe er angehörte. Im Jahr 2018 gelang es Mitgliedern von Funai, ihn bei einer zufälligen Begegnung im Dschungel zu filmen. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie er mit einer Art Axt auf einen Baum einhackt. Seitdem wurde er nicht mehr gesichtet, aber Funai-Agenten stießen auf seine Strohhütten und die tiefen Löcher, die er gegraben hatte.

Einige der Löcher hatten dem Medienbericht zufolge am Boden geschärfte Stacheln und dienten vermutlich als Fallen für Tiere. Der Funai-Beauftragte, der die Leiche fand, sagte, dass alle Hütten, die der Mann im Laufe der Jahre gebaut hatte - es waren mehr als 50 - ebenfalls ein drei Meter tiefes Loch enthielten. Die Mitarbeiter der Behörde gehen davon aus, dass die Löcher für den Mann eine spirituelle Bedeutung gehabt haben könnten. Andere spekulieren, dass er sie als Verstecke benutzt haben könnte.

Beweise, die im Laufe der Jahre in dem Gebiet gefunden wurden, deuten auch darauf hin, dass er Mais und Maniok anbaute und Honig sowie Früchte wie Papaya und Bananen sammelte.

Aktivistin Txai Suruí erhält Todesdrohungen

Nach dem Tod des Mannes aus dem Loch haben Gruppen für die Rechte indigener Völker gefordert, das Tanaru-Reservat dauerhaft unter Schutz zu stellen. In Brasilien gibt es etwa 240 indigene Stämme, von denen viele bedroht sind, weil illegale Bergleute, Holzfäller und Landwirte in ihr Gebiet eindringen, warnt Survival International, eine Organisation, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt. Die Risiken, denen Brasiliens indigene Völker ausgesetzt sind, wurden kürzlich deutlich, als die Aktivistin Txai Suruí Todesdrohungen erhielt, nachdem sie bei der Eröffnungszeremonie des globalen Klimagipfels COP26 in Glasgow eine leidenschaftliche Rede gehalten hatte.