Berlin - Fast einen Tag nach der Sperrung ist die Elsenbrücke zwischen Berlin-Friedrichshain und Treptow am Dienstag wieder für den Rad- und Fußverkehr sowie den Schiffsverkehr auf der Spree freigegeben worden. Die Brückenbesichtigungen hätten keine wesentliche Beschädigung gezeigt, teilte die Verkehrsverwaltung am Dienstag mit. Schon in wenigen Wochen soll auch die Behelfsbrücke öffnen. „Eine Freigabe spätestens im Januar 2022 steht in Aussicht“, hieß es. Neben dem seit Montag gesperrten Brückenüberbau war in den vergangenen Monaten die Behelfsbrücke entstanden. Geplant war die Freigabe für den Verkehr ursprünglich für März 2022. 

Die marode Elsenbrücke war am Montagmorgen bis auf weiteres komplett gesperrt worden. Messsysteme zur Tragfähigkeit der Brücke hatten Alarm ausgelöst. Die zunächst gemessene Durchbiegung von 8,2 Millimetern im Nordteil der Elsenbrücke habe sich seit dem Wochenende etwas zurückgebildet und werde nach bisheriger Einschätzung als unkritisch bewertet.

Mutmaßlich seien dafür Temperaturschwankungen verantwortlich, hieß es in der Mitteilung der Verwaltung. Weitere Prüfungen laufen demnach. Ob die Brücke nach Abschluss der Untersuchungen auch wieder für den Kfz-Verkehr geöffnet werden könne, sei ungewiss.

Sensoren schlugen Alarm

Die Elsenbrücke ist eine der wichtigsten Spreequerungen in Berlin. Sie wurde ab dem frühen Montagmorgen komplett gesperrt. Wie die Polizei mitteilte, haben Tragfähigkeitssensoren in der verbliebenen alten Brückenhälfte Alarm geschlagen. Das Spannbetonbauwerk vom Ende der 1960er-Jahre war nicht nur für Kraftfahrzeuge gesperrt, auch Radfahrer und Fußgänger durften es nicht mehr nutzen. Die Spree ist in diesem Bereich seitdem für den Schiffsverkehr ebenfalls nicht mehr befahrbar. Noch ungewiss ist, wie lange die Verbindung im Osten Berlins zumindest teilweise außer Betrieb bleibt. 

Betroffen von der jetzigen Sperrung ist der verbliebene westliche Überbau der alten Elsenbrücke, die von 1965 bis 1968 gebaut wurde. Dort wurde der gesamte Verkehr konzentriert, nachdem man die östliche Brückenhälfte abgerissen hatte – in der wiederum am 30. August 2018 ein 28 Meter langer und bis zu 14 Zentimeter tiefer Riss im Beton entdeckt worden war. Fachleute sprachen damals von einem Totalschaden. Ein Teil der 516 Seile aus Hennigsdorfer Stahl, die seit DDR-Zeiten in dem Hohlkasten für Stabilität sorgen sollten, war in jenem heißen Sommer offenbar gerissen.

Morris Pudwell
Das Lagezentrum der Polizei meldete am Montag um 4.45 Uhr, dass die Tragfähigkeitssensoren der Elsenbrücke am Treptower Park ausgelöst haben. 

In dem verbliebenen Bauwerk befindet sich ein sensibles Mess-und Alarmsystem, um einen Einsturz zu verhindern. Die installierten Warnsysteme seien hochempfindlich und funktionierten sehr genau, sodass eine Verkehrsgefährdung durch ein plötzliches Versagen der Brücke vermieden wird, hieß es in der Senatsverkehrsverwaltung. „In der Nacht zum Montag um kurz nach ein Uhr hat die installierte optische Dauermessanlage eine unerwartet hohe Durchbiegung gemeldet“, berichtete Jan Thomsen, Sprecher der jetzigen und künftigen Verkehrssenatorin, am Montagmittag.

Eine Durchbiegung in der Mitte und gebrochener Stahl

Die 8,2 Millimeter große Durchbiegung befinde sich in der Mitte zwischen dem letztem Pfeiler und dem Brückenende in der Nähe des Friedrichshainer Ufers, teilte er mit. Kurz zuvor habe das ebenfalls installierte permanente Schallakustikmesssystem einen mutmaßlichen Spannstahlbruch in der Nähe des Treptower Ufers gemeldet. Wie im abgerissenen östliche Überbau befinden sich auch in der westlichen Hälfte Stahlseilbündel in Betonkästen. „Ein bekanntes Konstruktionsproblem, da sie korrosionsanfällig und dadurch rissgefährdet sind“, erklärte Thomsen. Möglicherweise sei eines oder mehrere dieser Stahlseile gerissen.

„Hallo, hier darf niemand fahren!“ Ein Mitarbeiter des Bauunternehmens Strabag versucht am Montagmittag, eine Radfahrerin davon abzuhalten, die gesperrte Elsenbrücke zu nutzen. Doch die Frau kümmert sich nicht um ihn. Sie fährt weiter, dann ist die mit Absperrungen und rotweißen Flatterbändern abgeriegelte Brücke wieder leer.

Auf den Hauptverkehrsstraßen rund um die Elsenbrücke ist es umso voller. Dort staut sich auch gegen Mittag noch immer der Verkehr. Betroffen waren schon am Morgen Alt-Treptow/Puschkinallee, die Schlesische Straße, die Warschauer Straße und die Stralauer Allee. Das zeigt, dass die Kraftfahrer auf die Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ausweichen. Dort gibt es allerdings nur noch jeweils einen Fahrstreifen pro Richtung, weil auf beiden Seiten breite Radfahrstreifen markiert worden sind.

Auch der Busverkehr ist betroffen

Autofahrer müssen mit etwa einer Stunde Verzögerung rechnen, hieß es. Die Sperrung der Elsenbrücke betrifft auch den Busverkehr. Wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mitteilen, verkehrt die Linie M43 derzeit nicht zwischen Beermannstraße und Tunnelstraße. Zudem fahren die Busse der Linie 194 nicht zwischen Beermannstraße und Markgrafendamm. BVG-Sprecherin Petra Nelken erklärt auf Anfrage am Montag: „Beide Buslinien fallen aber nicht komplett aus. Sie werden umgeleitet. Mit großen Verspätungen wird nicht gerechnet. Unsere Fahrer haben mit der Umleitung an der Elsenbrücke schon Routine, weil dort häufiger gebaut wird.“ Fahrgäste können auf die S-Bahn ausweichen, die parallel zur Elsenbrücke verläuft.

Wegen der Staus im Umfeld der Brücke müssen laut BVG zudem die Linien 165 und 265 zeitweise aus dem Bereich zurückgezogen werden, um auf dem Rest der Linien einen planmäßigen Verkehr zu ermöglichen. Sie enden an der Haltestelle Elsenstraße/S Treptower Park. Auf dem weiteren Abschnitt sind für beide Linien außerplanmäßig Busse im Einsatz, die allerdings aufgrund der Verkehrslage deutlich länger unterwegs sind.

Behelfsbrücke wird nun wohl schon vor März 2022 fertig

Die Senatsverkehrsverwaltung lässt nun untersuchen, ob Risse im Beton der Elsenbrücke entstanden sind. „Geprüft wird dabei auch, ob und wann die Brücke gegebenenfalls für einige Verkehre, etwa den Fuß-, Rad- oder  Schiffsverkehr, wieder freigegeben werden kann“, sagte Jan Thomsen am Montag. Zugleich werde an einer Beschleunigung der Verkehrsfreigabe für die Behelfsbrücke gearbeitet, die nebenan bereits installiert ist, so die Senatsverwaltung. 

Der provisorische Spreeübergang ist an der Stelle der abgerissenen östlichen Brückenhälfte entstanden. Das knapp 1400 Tonnen schwere Fachwerk-Brückenpuzzle besteht aus mehr als 3000 Einzelteilen, die von rund 20.000 Schrauben zusammengehalten werden. Zwei Überbauten, jeweils 168 Meter lang, werden künftig vorübergehend den Verkehr aufnehmen. Wie bislang wird es in Richtung Treptow zwei Fahrstreifen für Autos geben, nach Friedrichshain einen. Für Radfahrer wird ein Zwei-Richtungs-Radweg markiert, für Fußgänger ist inzwischen an das Brückenprovisorium außen eine Gehwegkonstruktion ebenfalls aus Stahl angehängt worden.

Am Montag hieß es, dass die Behelfsbrücke so gut wie fertig sei. An den Anschlüssen ans übrige Straßennetz müsse aber noch gearbeitet werden. So gibt es zwischen dem Brückenbauwerk und der anschließenden Elsenstraße noch eine rund 20 Zentimeter hohe Stufe. Auch der Gehweg sei noch nicht angeschlossen. Ampeln müssten umgestellt und neu geschaltet werden. Es könne aber durchaus sein, dass das Ersatzbauwerk schon vor März 2022 für den Verkehr freigegeben wird – vielleicht sogar noch in diesem Jahr. Nun wird sie nach Angaben der Verkehrsverwaltung schon im Januar freigegeben. 

Nach der Freigabe der Ersatzbrücke ist geplant, den alten westlichen Überbau abzureißen. Danach kann der Bau der endgültigen Elsenbrücke beginnen. 2028 soll die neue Spreequerung zwischen Treptow und Friedrichshain fertig sein.