Durch das Sturmtief „Emmelinde“ sind in Deutschland mindestens ein Mensch ums Leben gekommen und Dutzende weitere verletzt worden. Besonders stark betroffen war am Freitag zunächst Nordrhein-Westfalen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat am Samstagmorgen drei Tornadoverdachtsfälle bestätigt. Demnach seien laut Deutscher Presseagentur in Paderborn, Lippstadt und in Lütmarsen, einem Ortsteil der Stadt Höxter, Tornados aufgetreten.

In Paderborn erlitten nach Polizeiangaben 43 Menschen Verletzungen, davon zehn schwer. Im rheinland-pfälzischen Ort Wittgert erlitt ein 38-jähriger Mann einen Stromschlag in einem überschwemmten Keller und starb. In Mittelfranken wurden 14 Menschen beim Einsturz einer Schutzhütte verletzt.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hob in der Nacht seine amtliche Warnung vor schweren Sturm- und Orkanböen für Berlin und Brandenburg auf. Die Feuerwehr in der Hauptstadt hatte bis dahin nur einen wetterbedingten Einsatz zu bearbeiten. „Die schweren Unwetter hatten sich südlich von Berlin größtenteils aufgelöst. Auch in Frankfurt/Oder passierte so gut wie nichts. Die Kollegen in Leipzig hatten dagegen mächtig was zu tun“, sagte ein Mitarbeiter des Lagedienstes.

Bahn: Es kann zu Verspätungen und Zugausfällen kommen

Die Deutsche Bahn teilte mit, wegen des Unwetters könne es in Teilen Deutschlands zu Verspätungen und Zugausfällen kommen. Bei den ICE- und IC-Verbindungen zwischen Köln, Wuppertal, Dortmund und Hamm wurden mehrere Halte gestrichen, bei den ICE- und IC-Verbindungen zwischen Köln, Hamm und Kassel-Wilhelmshöhe konnte die Strecke zwischen Hamm und Kassel-Wilhelmshöhe nicht befahren werden. Beeinträchtigungen gab es außerdem in in Niedersachsen, Bremen, Mittelfranken und Baden-Württemberg.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklärte Samstagfrüh auf seiner Website, im Osten Deutschlands bestehe noch die „Gefahr teils extremer Gewitter mit schweren Sturm- und Orkanböen sowie heftigem Starkregen und Hagel“.

Unwetter: Tornado zieht mutmaßlich durch Lippstadt

Die erheblichen Schäden in Lippstadt in Nordrhein-Westfalen wurden mutmaßlich von einem Tornado verursacht. Es habe zerstörte Dächer und umgestürzte Bäume im gesamten Stadtgebiet gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher. Fensterscheiben platzten und Autos wurden durch herabfallende Äste zerstört. Teils seien die Bäume schon am Stamm umgeknickt, berichtete die Gemeinde Altenbeken bei Paderborn – wie von der Hand eines Riesen getroffen.

Im Lippstadter Freizeitbad Cabrioli wurden zeitweise etwa 120 Badegäste eingeschlossen, weil umgestürzte Bäume den Eingang blockierten. Später seien die Eingeschlossenen befreit worden, berichtete die Feuerwehr.

Im Ortsteil Hellinghausen sei durch den Sturm die Spitze einer Kirche heruntergestürzt. Etwa 200 bis 300 Kräfte der Feuerwehr seien im Einsatz. Die Lippstadter Feuerwehr werde dabei von Kräften mehrerer Nachbarorte unterstützt.

Der Tornadobeauftragte des Deutschen Wetterdienstes (DWD), Andreas Friedrich, sagte auf Anfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschlands (RND), die bisherige Tornadomeldung lasse sich noch nicht endgültig verifizieren, aufgrund des Videomaterials gehe er aber von einem „plausiblen Tornadoereignis“ in Lippstadt aus.

Unwetter in Paderborn: 30 bis 40 Verletzte, schwere Schäden

In Paderborn wurden durch das Unwetter zahlreiche Menschen verletzt. 30 bis 40 Menschen seien verletzt, „davon zehn schwer“, sagte ein Sprecher der Polizei am Freitagabend der Nachrichtenagentur AFP. „Im Zuge eines Gewitters hat eine Windhose am Freitagnachmittag eine Schneise der Verwüstung von West nach Ost mitten durch Paderborn in Richtung der östlichen Stadtteile gezogen“, erklärte die Polizei am frühen Abend. Die Beamten berichteten von Millionenschäden. In einem Gewerbegebiet seien Dächer von Hallen abgerissen worden. Bleche, Dämmung und andere Materialien seien kilometerweit geflogen.

dpa/Lino Mirgeler
Paderborn: Eine Dachlatte steckt in der Windschutzscheibe eines parkenden Autos. Ein Unwetter hat auch in Paderborn große Schäden angerichtet.

Wegen Ästen und Bäumen auf den Gleisen musste die Bahnstrecke zwischen Paderborn und Altenbeken gesperrt werden. Betroffen seien der Regional- und Fernverkehr, Züge würden umgeleitet, sagte ein Bahnsprecher.

In Andernach und Neuwied (Rheinland-Pfalz) kam es laut Polizei zu „extremem“ Hagel mit Hagelkörnern mit einem Durchmesser von rund fünf Zentimetern. Mehrere dutzend Autos seien erheblich beschädigt worden. Teilweise seien während der Fahrt Scheiben zertrümmert worden, teilte die Polizei weiter mit. Wegen umgefallener Bäume waren in der Region Koblenz mehrere Straßen über Stunden gesperrt. Mehrere Autos blieben zudem in überschwemmten Unterführungen liegen.

Hütte bei Unwetter eingestürzt: 14 Verletzte, darunter mehrere Kinder

Beim Einsturz einer Holzhütte bei einem Unwetter in Bayern sind 14 Menschen verletzt worden, darunter mehrere Kinder. Eine 37 Jahre alte Frau sei mit schwersten Verletzungen in eine Klinik geflogen worden, sagte eine Polizeisprecherin. Das Unglück ereignete sich am Freitagabend in Spalt (Landkreis Roth) nahe dem Großen Brombachsee. Die Urlauber hatten wegen des Unwetters in der rund 85 Quadratmeter großen Hütte Schutz gesucht. Aus ungeklärter Ursache sei diese dann zur Seite gekippt und zusammengefallen.

Tief „Emmelinde“ in Berlin: Regen und Blitze, aber kein Unwetter

In Berlin und Brandenburg blieben die befürchteten Unwetter am Freitagabend aus. Zwar regnete es in der Hauptstadt ausgiebig und es blitzte und donnerte vereinzelt. Die Einsatzlage sei aber „absolut ruhig“, sagte ein Sprecher der Berliner Feuerwehr am späteren Abend. Weder seien bislang vollgelaufene Keller gemeldet worden noch hätten die Einsatzkräfte wegen Blitzeinschlägen ausrücken müssen. Auch aus Brandenburg wurden zunächst keine größeren Einsätze bekannt. Dort wurden vor allem über der Lausitz stärkere Regenfälle und Gewitter verzeichnet. Unwetterwarnungen vor starkem Gewitter blieben aber vorerst bestehen.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte für beide Bundesländer zuvor vor schweren, zum Teil auch extremen Gewittern mit massiven Auswirkungen gewarnt. Zudem rechnete der DWD mit heftigem Starkregen mit 40 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde. Hagelkörner könnten etwa fünf Zentimeter groß sein. Hiervon war am Abend zunächst nichts zu spüren. Allerdings waren die Unwetter bis in die Nacht hinein angekündigt.

Die Berliner Feuerwehr hatte am Abend mitgeteilt, die eigenen Berufswachen am Abend mit Kräften der Freiwilligen Feuerwehr verstärkt zu haben. „Sie stehen uns damit im Falle steigender Notrufe unverzüglich zur Verfügung“, hieß es auf Twitter. Der Berliner Umweltsenat hat die Menschen in der Stadt angesichts einer heranziehenden Unwetterlage zur Vorsicht aufgerufen.

Bahn-Fernverkehr in NRW eingeschränkt

Reisende im Fernverkehr der Deutschen Bahn mussten sich auf Einschränkungen einstellen. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen entfallen mehrere Halte, wie der Konzern am Freitagabend mitteilte. Demnach werden etwa auf der Strecke Köln–Wuppertal–Dortmund/Hamm die ICE- und IC-Züge zwischen Köln und Dortmund über Düsseldorf umgeleitet. „Die Halte Solingen, Wuppertal und Hagen entfallen“, hieß es. Auf der Fernverkehrsstrecke zwischen Köln/Düsseldorf und Berlin verkehren derzeit aufgrund eines Notarzteinsatzes keine ICE zwischen Bielefeld und Hannover. Ob der Einsatz mit dem Unwetter zusammenhängt, wurde zunächst nicht bekannt.

Kreis Ahrweiler: Alle Schulen geschlossen

In Rheinland-Pfalz blieben alle Schulen in Trägerschaft des Kreises Ahrweiler geschlossen. Die Bevölkerung solle die weiteren Wettervorhersagen im Radio, TV und Internet sowie über die Warnapps Katwarn und Nina mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen. Im Ahrtal wurden Mitte Juli 2021 bei einem Hochwasser nach extremem Starkregen 134 Menschen getötet und Tausende Häuser verwüstet. Bis heute leben viele Menschen in Ausweichquartieren.

Im Regierungsbezirk Köln in Nordrhein-Westfalen endete der Schulunterricht nach Angaben der Bezirksregierung um 11.30 Uhr, damit die Schülerinnen und Schüler sicher nach Hause kommen konnten. In den vier übrigen Regierungsbezirken in Nordrhein-Westfalen lag die Entscheidung bei den Schulen oder den einzelnen Kommunen. Die für Freitag angesetzten Abitur-Nachschreibklausuren und Prüfungen an den Berufskollegs sollte es laut NRW-Schulministerium aber wie geplant geben.

NRW-Innenminister: „Bleiben Sie zu Hause“

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) rief die Bevölkerung zu besonderer Vorsicht auf: „Bleiben Sie bitte zu Hause. Vermeiden Sie Aufenthalte im Freien“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Zahlreiche Veranstaltungen wurden vorsichtshalber abgesagt. So fiel eine in Bad Münstereifel mit Kardinal Rainer Maria Woelki geplante Dankfeier für Helfer der Flutkatastrophe vom vergangenen Juli aus. In Köln wurden unter anderem der Zoo und der Forstbotanische Garten geschlossen, auch die Friedhöfe sollten ab dem Nachmittag für Besucherinnen und Besucher zu bleiben. Es könnten Bäume umstürzen oder Äste abbrechen, teilte die Stadt mit. Der Dortmunder Zoo blieb den ganzen Freitag geschlossen.

Hoch „Zeus“ beruhigt das Wetter am Samstag

Und so soll es weitergehen: Für Freitagabend und in der Nacht wurden auch in Süddeutschland Gewitter erwartet. „Die Unwettergefahr ist hier allerdings meist nur noch lokal und geht im Laufe der Nacht zurück“, sagte DWD-Meteorologe Altnau. Am Samstag beruhigt Hoch „Zeus“ das Wetter. Am Sonntag scheint vielerorts die Sonne, nur an den Alpen sind noch Gewitter möglich. „Am Montag kündigt sich dann mit einem neuerlichen Tief von Südwesten her die nächste Gewitterlage an“, blickte Altnau voraus. Diese Gewitter treffen dann wahrscheinlich eher die Südhälfte Deutschlands.