Als Boris Becker vor 20 Jahren in München wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, kam er mit einem blauen Auge davon. Das Gericht ließ es bei einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe bewenden. Im Prozess in seiner Wahlheimat London wegen Insolvenzverschleppung halten Beobachter nun eine Gefängnisstrafe für die deutsche Tennisikone aber für möglich. Anfang des Monats wurde der 54-Jährige in vier von 24 Anklagepunkten schuldig gesprochen, am Freitag soll das Strafmaß verkündet werden.

Becker hat es mit legendären Siegen in Wimbledon und bei anderen großen Tennisturnieren zu Weltruhm und Reichtum gebracht. Doch der Deutsche verlor sein Vermögen – und soll in dem deswegen eingeleiteten Insolvenzverfahren mehrfach gegen Gesetze verstoßen haben.

Die Geschworenen des Southwark Crown Court in London sprachen ihn schuldig in einem Anklagepunkt wegen Entfernung von Eigentum, in zwei Punkten wegen Nichtoffenlegung von Besitztümern und einem Anklagepunkt wegen Verschleierung von Schulden. Obwohl es sich nur um einen Teil-Schuldspruch handelt, drohen Becker laut britischen Medien bis zu sieben Jahre Haft.

Unbeglichene Schulden und juristische Schwierigkeiten

Der Leimener kam dem Urteil zufolge seinen Offenlegungspflichten nicht vollständig nach. Es ging um einen Besitz in Deutschland, Anteile an einer Technologiefirma und einen Bankkredit in Höhe von 825.000 Euro. Außerdem überwies Becker nach Auffassung der Geschworenen große Summen unter anderem auf Konten seiner Ex-Frauen Barbara und Lilly Becker.

Im Juni 2017 hatte ein Londoner Konkursgericht den dreimaligen Wimbledon-Sieger wegen unbeglichener Schulden für zahlungsunfähig erklärt. Auf bis zu 50 Millionen Pfund (59 Millionen Euro) wurden Beckers Außenstände damals geschätzt.

Becker, der in seiner Sportlerkarriere sechs Grand-Slam-Turniere gewann, hatte bereits wiederholt juristische Schwierigkeiten wegen Geldangelegenheiten. Die spanische Justiz nahm Becker wegen Schulden im Zusammenhang mit seiner Villa auf Mallorca ins Visier, und die Schweizer Justiz, weil er den Pfarrer nicht bezahlt haben soll, der ihn 2009 traute.

2002 wurde Becker in München wegen Steuerhinterziehung von rund 1,7 Millionen Euro zu zwei Jahren auf Bewährung und 500.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Dieser Prozess wie auch Häme über mehrere gescheiterte Beziehungen des Sportstars trugen dazu bei, dass das Verhältnis von „Bumm-Bumm-Boris“ zu seinem Heimatland Deutschland abkühlte und er London als Wohnort wählte.

„Schockiert“ und „beschämt“ über Bankrotterklärung

Dass er bei dem Insolvenzverfahren in Großbritannien erneut gegen geltende Gesetze verstieß, weist Becker zurück. In dem Londoner Prozess ging es unter anderem um mehrere Pokale, die er zurückgehalten haben soll, darunter die Trophäe für seinen ersten Wimbledon-Sieg 1985 im Alter von gerade einmal 17 Jahren. Mehr als 80 andere Gegenstände aus Beckers Besitz, darunter Trophäen, Tennisschläger, Fotos, Uhren sowie ein „Bambi“, wurden bis Juli 2019 versteigert.

Mit dem Erlös in Höhe von rund 765.000 Euro wurde nur ein Bruchteil von Beckers Schulden beglichen. Im November 2019 wurde verfügt, dass die Tennislegende sich noch zwölf weitere Jahre den Insolvenzauflagen der britischen Behörden beugen muss. Mit der Verlängerung der Maßnahme bis zum 16. Oktober 2031 solle verhindert werden, „dass Herr Becker seinen Gläubigern weiteren Schaden zufügt“, erklärte die zuständige Insolvenzbehörde damals.

Für Becker sind seine Zahlungsunfähigkeit und deren Folgen ein harter Schlag. Vor Gericht schilderte er, dass er „schockiert“ und „beschämt“ über seine Bankrotterklärung gewesen sei. Er und sein Anwalt zeichneten von ihm das Bild eines Mannes, der den Überblick über seinen Besitz und seine Ausgaben verloren hatte. Becker muss die Sache immerhin nicht allein durchstehen. Seine Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro begleitete ihn regelmäßig zum Gericht. Auch Beckers ältester Sohn Noah zeigte sich an seiner Seite.