Eine OP-Maske.
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BerlinBislang wird davon ausgegangen, dass einfache OP-Masken vor allem das Umfeld von Corona-Infizierten schützen, indem sie Tröpfcheninfektionen verhindern. Der Träger selbst sei durch die Maske kaum geschützt, heißt es. Ein Forscherteam um Holger Schünemann von der McMaster-Universität in Kanada kommt jetzt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Demnach können auch einfache Masken den Träger sehr wohl schützen. Die Wissenschaftler werteten dafür systematisch alle Studien zu dem Thema aus.

„Wir haben einen überraschend großen Effekt festgestellt: Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent“, sagte Schünemann in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Das bedeutet: Wenn das Basisrisiko, sich anzustecken, bei etwa 50 Prozent liegt, wie es etwa für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf 10 Prozent. Ist das Basisrisiko ein Prozent, reduziert sich die Gefahr, sich anzustecken, auf 0,2 Prozent. Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgische Mundschutz, wie man ihn überall kaufen kann.“

Laut Schünemann hätte die Zahl der Todesfälle durch frühzeitiges Maskentragen möglicherweise stark vermindert werden können. „Aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen und Masken allein hätten wohl nicht gereicht“, so der Forscher.

Analyse kein endgültiger Beweis

Schünemann und sein Team werteten insgesamt 29 Studien aus, in denen Maskenträger mit Menschen verglichen wurden, die keinen Mund-Nasen-Schutz trugen. Die meisten Studien kamen aus dem Gesundheitswesen, aber es gab auch einige, in denen Haushalte, in denen Masken getragen wurden, mit solchen verglichen wurden, in denen dies nicht der Fall war.

Ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis für den Ansteckungsschutz sei die Analyse aber nicht, schränkt der Epidemiologe ein. Die Datenbasis basiere nicht auf randomisierten Studien. Das heißt, die Forscher haben lediglich bestehende Gruppen miteinander verglichen. Bei einer randomisierten Studie wären Versuchspersonen in zufällige Gruppen eingeteilt worden, die Masken tragen oder nicht. Um einen endgültigen Beweis zu erbringen, bräuchte man besser kontrollierte Studien, so Schünemann. „Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, einzelne Bezirke von Städten oder ganze Städte dazu zu bestimmen, eine Maske zu tragen – und andere nicht.“ Trotzdem geht Schünemann davon aus, dass die Schutzwirkung von OP-Masken hoch ist. Die 80-prozentige Risikoreduktion sei relativ konstant über die Studien zu erkennen, sagte er dem RND.

Das RKI und die WHO hatten erst spät dazu geraten, Masken zu tragen und wurden vielfach dafür kritisiert. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hielt es noch bis Mitte März für nicht nötig, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen. Für einen Schutz gebe es keine Evidenz. Ähnlich ablehnend zeigte sich auch die WHO gegenüber Masken. Selbst zwei Wochen nachdem die WHO die Corona-Pandemie ausgerufen hatte, erklärte die für Infektionsprävention zuständige Mitarbeiterin April Baller Ende März: „Wenn Sie keine Atemwegssymptome wie Fieber, Husten oder eine laufende Nase haben, brauchen Sie keine medizinische Maske zu tragen.“ Auch viele andere Wissenschaftler zweifelten an einer schützenden Funktion – und tun es teils heute noch.

Der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl Lauterbach hatte dagegen schon früh geraten, Masken aufzusetzen. „Die Studienlage gab das ganz klar her“, sagt Lauterbach. Es habe etliche Untersuchungen gegeben, „die schon Jahre zuvor gezeigt hatten, dass Masken einen erheblichen Anteil von Viren zurückhalten“.