Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Zahl der Toten steigt auf über 20.000

Rettungskräfte suchen den dritten Tag nach der Katastrophe nach Überlebenden. Derweil verlassen tonnenweise Hilfsgüter Berlin.

Wie durch ein Wunder: Ein Südkoreanisches Rettungsteam rettet am Donnerstag ein Kleinkind aus den Trümmern eines Hauses.
Wie durch ein Wunder: Ein Südkoreanisches Rettungsteam rettet am Donnerstag ein Kleinkind aus den Trümmern eines Hauses.YNA/dpa

Nach dem verheerenden Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist die Zahl der Toten auf über 20.000 gestiegen. Die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad teilte am Donnerstag mit, dass mindestens 17.134 Menschen in der Türkei ums Leben gekommen seien. Mindestens 3162 Menschen starben nach offiziellen Angaben auf der anderen Seite der Grenze in Nordsyrien. Die Zahl der Todesopfer in der Türkei und in Syrien stieg damit am Donnerstag auf mindestens 20.296.

Erdbeben: Wie sind die Überlebenschancen?

Es wird befürchtet, dass die Zahl weiter steigen wird. Die Suche nach Überlebenden wird immer mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit: Aus den Erfahrungen vergangener Katastrophen ist bekannt, dass ungefähr nach 72 Stunden die Wahrscheinlichkeit für das Finden von Überlebenden dramatisch sinkt. Diese Zeitspanne verstrich am Donnerstagmorgen. Hinzu kommen die äußerst ungünstigen Wetterbedingungen vor Ort.

Alleine in der südosttürkischen Millionenstadt Gaziantep seien 944 von insgesamt mehr als 6400 Gebäuden zerstört worden.

Ein Retter und sein Hund suchen im türkischen Kahramanmaras in den Trümmern eines Gebäudes nach Überlebenden.
Ein Retter und sein Hund suchen im türkischen Kahramanmaras in den Trümmern eines Gebäudes nach Überlebenden.Mustafa Kaya/XinHua/dpa

Grenzbeamter: Erster Hilfskonvoi seit Erdbeben erreicht syrische Rebellengebiete

Am Donnerstag hat derweil der erste Hilfskonvoi den von Rebellen kontrollierten Norden Syriens erreicht. Das bestätigte ein Grenzbeamter am türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al-Hawa am Donnerstag. Ein AFP-Korrespondent sah, wie sechs Lastwagen, die unter anderem mit Zelten und Hygieneartikeln beladen waren, den Grenzübergang passierten.

Bei der Ladung handele es sich um Hilfsgüter, die bereits in Syrien eintreffen sollten, bevor das Erdbeben am Montag das Gebiet erschütterte, sagte der syrische Grenzbeamte Masen Allusch.

Kurz zuvor teilten die Vereinten Nationen in Genf mit, sie hätten die Zusicherung erhalten, dass die Hilfsgüter die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete im Nordwesten Syriens am Donnerstag über den einzigen zugelassenen Grenzübergang zwischen Syrien und der Türkei erreichen würden. „Uns wurde heute zugesichert, dass die ersten Hilfslieferungen heute über den Grenzübergang Bab al-Hawa eintreffen werden“, sagte der UN-Sondergesandte für Syrien, Geir Pedersen, vor Reportern. Er forderte dazu auf, die humanitäre Hilfe nicht zu „politisieren“.

Turkish Airlines transportiert tonnenweise Hilfsmittel

Tonnenweise Hilfsgüter für die vom Erdbeben betroffenen Menschen in der Türkei werden in diesen Tagen auch vom Hauptstadtflughafen BER per Flugzeug ausgeflogen. Die halbstaatliche Luftfahrtgesellschaft Turkish Airlines übernimmt die Transporte der in der Hauptstadtregion gesammelten Güter, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Koordiniert werden die Abläufe demnach vom türkischen Generalkonsulat. Die Hilfsmittel werden in den Frachträumen regulärer Passagiermaschinen mitgenommen. Turkish Airlines fliegt dafür zwei Mal am Tag mit Großraummaschinen, in denen besonders viel Platz ist.

Die meisten Flugzeuge starten nach Istanbul. Von dort werden die Hilfsgüter laut Turkish Airlines weiter in die Erdbebenregionen geleitet. Auch von anderen deutschen Flughäfen aus nehme das Unternehmen Hilfsgüter für die Türkei mit. Nirgendwo seien die Mengen jedoch so groß wie in Berlin, hieß es. Insbesondere Moscheevereine und türkische Hilfsorganisationen sammeln die Dinge ein.

Gelagert werden sie derzeit in einer großen Halle für die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA). Die Anteilnahme und Solidarität in Berlin für die Opfer der Katastrophe ist groß. Innerhalb nur eines Tages habe sich die Halle mit Hilfsgütern aller Art deutlich gefüllt, hieß es vom Flughafen.

Mitarbeiter laden Paletten mit Hilfsgütern für die Türkei in ein Flugzeug von Turkish Airlines.
Mitarbeiter laden Paletten mit Hilfsgütern für die Türkei in ein Flugzeug von Turkish Airlines.Carsten Koall/dpa

Keine Zelte bei eisigen Temperaturen: Menschen schlafen auf der Straße

Im türkischen Gaziantep kampierten laut dem Bericht eines AFP-Korrespondenten in der Nacht erneut Tausende Menschen im Freien – bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. „Ich habe Angst um jeden, der unter den Trümmern begraben ist“, sagte Melek Halici. Sie selbst lief mit ihrer in einer Decke eingehüllten kleinen Tochter auf der Straße hin und her, weil dies wärmer sei als irgendwo zu sitzen.

„Unsere Kinder zittern“, berichtete auch ein 40-jähriger Mann. „Wir mussten Parkbänke anzünden und sogar einige Kleidungstücke der Kinder“, fügte der fünffache Familienvater hinzu. „Sie hätten uns wenigstens Zelte geben können.“ Auch andere Einwohner der nahe des Epizentrums des Bebens liegenden Stadt beklagten ausbleibende Hilfe.

Menschen wärmen sich an einem Feuer vor Gebäuden, die bei den Erdbeben in der Türkei zerstört wurden.
Menschen wärmen sich an einem Feuer vor Gebäuden, die bei den Erdbeben in der Türkei zerstört wurden.Khalil Hamra/AP

Erdogan räumt „Defizite“ im Krisenmanagement ein

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Mittwoch „Defizite“ im Krisenmanagement nach der Katastrophe eingeräumt. Bei einem Besuch von zwei besonders betroffenen Regionen sagte er allerdings auch, es sei nicht möglich, „auf so ein Erdbeben vorbereitet zu sein“.

Weltweit sind inzwischen Hilfsaktionen für die Erdbebenopfer angelaufen. Die EU will Anfang März eine Geberkonferenz für Syrien und die Türkei abhalten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte am Mittwoch, die Türkei und Syrien könnten „auf die EU zählen“. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten bis zu 23 Millionen Menschen von den Folgen des Bebens betroffen sein.

Rettungsmannschaften und Hilfslieferungen kamen kaum durch

In den ersten Tagen hatten gesperrte Flughäfen und verschneite Straßen die Ankunft von Rettungsmannschaften und Hilfslieferungen verzögert. In Syrien kommt die politisch heikle Lage hinzu. Das Katastrophengebiet ist dort in von Damaskus kontrollierte Gebiete und in Territorien unter der Kontrolle von Rebellen geteilt. Es wird befürchtet, dass der international geächtete Machthaber Baschar al-Assad Hilfslieferungen nur in von der Regierung kontrollierte Gebiete lässt.

Das Beben mit einer Stärke von 7,7 bis 7,8 hatte am frühen Montagmorgen das Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei erschüttert und enorme Verwüstungen angerichtet. Am Montagmittag folgte ein weiteres Beben der Stärke 7,5 in derselben Region. Die Zahl der Toten in beiden Ländern ist mittlerweile auf mehr als 20.000 gestiegen, hinzu kommen Zehntausende Verletzte.