Stuttgart - Baden-Württemberg schafft als erstes Bundesland den Inzidenz-Wert für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ab. Geimpfte, Getestete und Genesene dürfen wieder an diversen Veranstaltungen teilnehmen. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz werde in der neuen Corona-Verordnung, die am 16. August in Kraft treten soll, nicht mehr als ordnungspolitisches Instrument auftauchen, teilte das Gesundheitsministerium am Mittwoch in Stuttgart mit.

Die Regierung sieht etwa vor, dass es bei kulturellen Veranstaltungen im Innenbereich sowie in Clubs und Diskotheken keine Personenobergrenze mehr geben soll, die Einrichtungen könnten unter Vollauslastung öffnen – sofern Besucher geimpft oder genesen seien oder in diesem Fall einen PCR-Test vorweisen könnten. Bei der Innengastronomie, bei Friseuren und körpernahen Dienstleistern soll ein Antigenschnelltest ausreichen.

In der Bund-Länder-Runde am vergangenen Montag war beschlossen worden, dass man weiter „alle Indikatoren“ genau beobachten wolle, um das Infektionsgeschehen zu kontrollieren – insbesondere die Inzidenz, aber auch die Impfquote, schwere Krankheitsverläufe und die Belastung des Gesundheitswesens.

Wissenschaftler: Ab Inzidenz 200 „erhebliche Belastung der Intensivbetten“

Unterdessen haben Wissenschaftler Analysen zur Corona-Inzidenz durchgeführt. Laut Modellierungen werde die Corona-Inzidenz trotz der Impfungen auch im Herbst und Winter ein wichtiger Wert zur Einschätzung der anstehenden Belegung von Intensivbetten bleiben. Die Beziehung zwischen den beiden Entwicklungen sei in Deutschland auch in den kommenden Monaten eng und linear, schreiben die Mediziner Christian Karagiannidis (Köln) und Steffen Weber-Carstens (Charité Berlin) sowie der Physiker Andreas Schuppert (RHTW Aachen) in einer aktuellen Analyse. Karagiannidis und Weber-Carstens sind medizinisch-wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters.

Der Faktor für dieses Verhältnis sei allerdings höher als in vergangenen Wellen, sodass vergleichbare Intensivbettenbelegungen erst bei höherer Inzidenz erreicht würden, erläutern die Experten im Fachmagazin Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin. Ab 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche sei wieder „eine erhebliche Belastung der Intensivstationen“ mit mehr als 3000 Intensivpatienten zeitgleich zu erwarten, sofern die Impfquote nicht noch deutlich gesteigert werde. Mit der Delta-Variante werde erwartet, dass insbesondere vermehrt ungeimpfte Menschen ab einem Alter von 35 auf den Intensivstationen zu behandeln sind.

Die Autoren stützen ihre Aussagen auf verschiedene Szenarien, „die im Herbst/Winter 2021 realistisch eintreten könnten“. Diese wurden mittels mathematischer Modelle simuliert. Dafür treffen Fachleute bestimmte Annahmen. Eine Prognose sei wegen der nicht verlässlich vorhersehbaren Entwicklung der Inzidenzen je nach Impfquoten und Maßnahmen-Umsetzung derzeit nicht möglich, hieß es.