Berlin - Starke Schneefälle haben in der Nacht zum Dienstag erneut für Chaos auf vielen Autobahnen in Deutschland gesorgt. Die S-Bahn Berlin meldete auch am Dienstagmorgen mehrere Einschränkungen des Verkehrs. Fahrzeug- und Weichenstörungen tragen dazu bei, dass Fahrgäste länger unterwegs sind – und viele Züge voller sind als sonst. Nicht gut in Corona-Zeiten.

Wie schon am Montag führt eine Weichenstörung in Lichtenrade dazu, dass der Verkehr auf dem Südabschnitt der S2 auf einen 20-Minuten-Takt ausgedünnt werden muss. Nur zwischen Buch und Potsdamer Platz können die Züge alle zehn Minuten verkehren.

Die Linie S46 wurde erneut verkürzt, allerdings fahren die Züge aus Königs Wusterhausen nun immerhin bis Tempelhof. Am Montag mussten sie schon in Schöneweide umkehren. Der feine Schnee setzt den S-Bahnen der Baureihe 485, die auf dieser Strecke eingesetzt sind, immer wieder zu. Wegen Antriebstörungen mussten viele Fahrzeuge am Montag in die Werkstatt – wo sie jetzt noch sind. Allerdings machen auch Züge der neueren Baureihe 481 inzwischen Probleme, hieß es bei der S-Bahn. Weil der Schnee die zum Bremssystem gehörenden Sandrohre einfrieren lässt, dürfen viele Fahrzeuge dieses Typs nur noch Tempo 60 fahren. Verspätungen sind die Folge.

Die Linie S75 verkehrt nur im 20-Minuten-Takt. Die Linie S8 wird überhaupt nicht befahren. Diese Strecke ist gleich doppelt betroffen: Zum einen sind auch dort normalerweise Züge der Baureihe 485 im Einsatz. Zum anderen beeinträchtigt eine Weichenstörung in Blankenburg erneut den Betrieb, sagte ein S-Bahner. Deshalb ist der Abschnitt zwischen Blankenburg und Hohen Neuendorf erneut ohne S-Bahn-Verkehr. Fahrgäste müssen auf den Bus-Ersatzverkehr umsteigen.

Die Linie S85 verkehrt ebenfalls nicht.

Auch im Südosten von Berlin fiel eine Weiche aus – in der Nacht zu Dienstag in Baumschulenweg. Seitdem ist es nicht mehr möglich, aus Richtung Schöneweide nach Treptower Park zu fahren. Die S9 wird über den Südring geleitet. Zwischen Baumschulenweg und Treptower Park fahren Busse im Ersatzverkehr.

„Früher ging bei einer Weichenstörung jemand mit dem Besen raus und fegte die Weiche wieder frei“, sagte ein Eisenbahner. Doch heute gibt es kein Personal vor Ort mehr, das diese Aufgabe übernehmen könnte. Weichen, Signale und andere Einrichtungen werden aus der Ferne von elektronischen Stellwerken gesteuert. DB Netz, für die Infrastruktur zuständig, arbeite Störungen nach einem festen Plan ab. Danach sind Weichen nach Bedeutung geordnet. Allerdings: Auch wenn Weichen von Schnee befreit worden sind, kann es sein, dass sie bald wieder unter Schneeverwehungen verschwinden.

Störungen auch im Fernverkehr

Auch im Fernverkehr müssen sich Pendler am Dienstagmorgen in weiten Teilen Deutschlands auf weitere Einschränkungen einstellen. Schneeräum- und Reparaturtrupps seien für die Bahn im Einsatz, damit der Schienenverkehr auf den Hauptstrecken bis Dienstagabend schrittweise wieder aufgenommen werden könne, erklärte die Bahn am Montag. Der Fernverkehr war zuvor am Montag auf mehreren Verbindungen komplett eingestellt worden.

Besonders betroffen sind im Fernverkehr die Verkehrsknoten Dortmund, Hannover, Kassel, Erfurt und Halle/Leipzig. Auf mehreren Strecken fahren keine Fernzüge, etwa zwischen Hannover und Köln, von Hamburg in Richtung München, Dortmund, Köln, Kiel, Lübeck und Westerland sowie von Dresden in Richtung Leipzig, Frankfurt, Hannover und Köln. Auf anderen Abschnitten ist das Angebot stark eingeschränkt, etwa zwischen Berlin und Hannover, zwischen Berlin und München sowie zwischen Hamburg und Frankfurt.

Besonders hart hat es in der vergangenen Nacht die Region Bielefeld getroffen. Auf der A2 verbrachten Fahrer und Mitfahrende die ganze Nacht auf der Straße und mussten bei klirrender Kälte zum Teil zwölf Stunden lang in ihren Autos ausharren. Zwischenzeitlich bildete sich dort ein 37 Kilometer langer Rückstau, der sich bis nach Niedersachsen zog – auf beiden Fahrtrichtungen zusammen waren es sogar mehr als 70 Kilometer. „Die Gesamtlage ist schwierig, wir sind am Rotieren“, sagte ein Sprecher der Bielefelder Polizei am frühen Dienstagmorgen. 

Die Autobahn wurde in beiden Fahrtrichtungen gesperrt, nachdem Lastwagen schon am Montagmittag wegen des Schnees stecken geblieben waren. „Es wird aber noch sehr lange dauern, bis sich das Knäuel aufgelöst hat“, sagte eine Sprecherin der Leitstelle NRW in der Nacht. Trotz einer Umleitung hatte sich der Stau in den frühen Morgenstunden kaum verkürzt.

Etwas weniger dramatisch war die Lage laut Polizei bei Dortmund, wo die A2 ebenfalls gesperrt war. Auf der Fahrbahn in Richtung Oberhausen hatten sich am Montagnachmittag Dutzende Lkw festgefahren, obwohl bis 22 Uhr eigentlich ein Fahrverbot für Lastwagen über 7,5 Tonnen galt. „Die Polizei registrierte dort 340 Verstöße gegen das Verbot“, sagte die Sprecherin. Einsatzkräfte versorgten alle Liegengebliebenen mit warmen Getränken und Decken. Das dürfte für die meisten aber nur ein schwacher Trost gewesen sein: Zwischenzeitlich zog sich der Rückstau nach Angaben des Lagezentrums zehn Kilometer lang, löste sich in der Nacht aber auf.

Lkw stellt sich auf A10 quer, Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern

Auch auf anderen Autobahnen war die Lage chaotisch. Auf der A10 bei Spreeau in Brandenburg stellten sich in der Nacht zwei Lastwagen quer auf die glatte Fahrbahn und kamen weder vor noch zurück, wie eine Polizeisprecherin sagte. Auf der A4 in Osthessen hatte sich ein Stau in der Nacht zwar inzwischen aufgelöst – dort hatten Autofahrer laut Polizei aber zum Teil 15 Stunden in ihren Wagen ausgeharrt. Zum Teil kam der Verkehr nur langsam wieder in Gang, weil Polizisten Lkw-Fahrer wecken mussten, die die Wartezeit verschlafen hatten.

Bei teils kräftigem Schneefall ist es in Mecklenburg-Vorpommern zu etwa 20 Verkehrsunfällen gekommen. Eine Frau sei verletzt worden, sonst sei es meist bei Blechschäden an den Autos geblieben, teilten Polizeisprecher in Rostock und Neubrandenburg am Dienstagmorgen mit. Auf einigen Straßen kam es dadurch zu Verkehrsbehinderungen. Betroffen sind unter anderem die Autobahn 11 Berlin-Stettin bei Penkun, die A14 nördlich von Schwerin und die Bundesstraßen 105 bei Niepars (Vorpommern-Rügen) und 198 bei Stuer (Mecklenburgische Seenplatte). Im Nordosten waren regional unterschiedlich zwischen zehn und 20 Zentimeter Pulverschnee gefallen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer appellierte an die Bürger im Norden und in der Mitte Deutschlands, mindestens bis Mittwoch auf Reisen zu verzichten. „Bei solchen extremen Bedingungen können selbst die beste Weichenheizung und das beste Räumfahrzeug an ihre Grenzen geraten“, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Dienstag). „Wir arbeiten an allen Ecken und Enden daran, dass wir die Nord-Süd-Verbindungen frei bekommen – dass wir wenigstens eingeschränkt fahren können“, kündigte er bei Bild Live an.

„Es entsteht eines neues Band: ein kleines, aber sehr heftiges. Dienstag und Mittwoch werden wir an der Ostsee und bei Rügen viel Schnee bekommen und vor allem stürmische Verhältnisse“, sagte der Minister weiter. Doch auch Frost werde zur Herausforderung, etwa im Osten Deutschlands.

Verstärkter Einsatz für frierende Obdachlose

Hilfsorganisationen verstärkten unterdessen ihren Einsatz für Obdachlose. So war etwa in Hannover am Montagabend erneut der Kältebus der Johanniter unterwegs, um Bedürftige mit heißem Essen und Trinken zu versorgen. Die Stadt Frankfurt hatte nach Angaben einer Sprecherin bereits am Wochenende die Öffnungszeiten der Winterübernachtung in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor verlängert. Dort gibt es 150 Schlafplätze, von denen zuletzt etwa 100 nachts belegt waren.

Etwa 80 Menschen übernachteten nach Angaben der Sprecherin in den vergangenen Tagen trotz des Wetters draußen. Sie würden jede Nacht von den Mitarbeitern des Kältebusses aufgesucht und eingeladen, sich in eine Einrichtung der Obdachlosenhilfe fahren zu lassen.

Es bleibt eisig: Hoch „Gisela“ sorgt für Gefriertruhen-Wetter

Wer vor allem im nördlichen Teil Deutschlands viel Zeit mit Schneeschippen verbracht hat, kann aufatmen: Der Schneefall geht in den kommenden Tagen im Vergleich zum Wochenende klar zurück. Winterlich bleibt es nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) dennoch – vor allem in den Abend- und Nachstunden.

Hoch „Gisela“ beschert reichlich Frost, nur wenige Gebiete bleiben zumindest tagsüber frostfrei, so die DWD-Meteorologen. Am Dienstag herrsche fast überall Dauerfrost von minus 5 bis minus 10 Grad. In der Mitte Deutschlands kann das Thermometer sogar auf minus 15 Grad sinken.

Gefühlte Temperatur kann minus 30 Grad betragen

Für die kommenden Tage gilt: Herrschen tagsüber Eisfach-Temperaturen, erinnern die Werte nachts eher an Gefriertruhen. In der Mitte und im Osten Deutschlands dürften Nachtfröste von minus 18 Grad keine Seltenheit sein. In Berlin und Brandenburg liegen die Tiefstwerte laut DWD in den kommenden Tagen bei minus 10 bis minus 16 Grad, auch tagsüber bleibt es mit minus 3 bis minus 8 Grad eisig. Wer morgens früh nach draußen muss, sollte bei der Kleidung besser noch eine Extraschicht drauflegen, denn bei Wind kann die gefühlte Temperatur auch minus 30 Grad betragen.

Björn Goldhausen, Meteorologe von WetterOnline, sagt: „Wer nun glaubt, der strenge Frost wäre nur eine Eintagsfliege, der irrt: Bis mindestens zum Wochenende geht es bitterkalt weiter. Sobald es abends dunkel wird, rauschen die Temperaturen nach unten. Über Schnee sind viele Nächte am Stück mit Tiefstwerten von rund minus 15 Grad zu erwarten. Nicht ausgeschlossen, dass es mancherorts sogar bis runter auf minus 25 Grad geht. Nicht ganz so kalt erwischt es einen, wo kein Schnee liegt. Dort wird es nachts zwar auch frostig, aber eben nicht ganz so eisig wie in den Schneelandschaften.“

Wetterphänomen bringt erneut viel Schnee

Der Dauerschneefall lässt in den meisten Regionen nach. „Dennoch gibt es Ecken, wo es in Sachen Schnee erst jetzt richtig losgeht“, merkt der Meteorologe an. „Dies betrifft vor allem die Regionen von Schleswig-Holstein bis Rügen. Dort sorgt der sogenannte Lake-Effekt örtlich und eng begrenzt für extrem heftige und anhaltende Schneeschauer. Nicht ausgeschlossen, dass da bis Donnerstag mancherorts 50 Zentimeter Schnee fallen, während es wenige Kilometer weiter nur ein paar Flocken gibt.“

Als Lake-Effekt wird ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, das auftritt, wenn im Winter kalte Winde über große Wasserflächen mit warmem Wasser strömen und dabei Wasserdampf aufnehmen, der dann als intensiver Niederschlag fällt. „Die regional heftigen Schneeschauer dieser Tage entstehen, weil kalte Luft aus Osten über die recht milde Ostsee gepumpt wird. Über dem warmen Wasser saugt sich die Luft mit Feuchtigkeit voll und steigt auf. In der Folge bilden sich immer neue kräftige Schneeschauer. Die weiße Ladung wird dann regelrecht an den Küsten abgeladen. Auch im Süden kommt bald neuer Schnee auf. Zur Wochenmitte nähert sich aus Richtung Frankreich nämlich wieder ein Tief. Dieses beschert dann der Südhälfte Schneefälle“, so Goldhausen.