Containerbrückenkräne, die normalerweise Schiffe entladen, im Hamburger Hafen.
Foto: dpa/Axel Heimken

BerlinDie Folgen der Viruskrise werden der Wirtschaft im Euroraum nach Ansicht von Ökonomen noch Jahre zu schaffen machen. Eine vollständige Erholung von der Rekord-Rezession werde zwei oder gar mehr Jahre dauern, so die Einschätzung des Großteils der von der Nachrichtenagentur Reuters Mitte des Monats befragten Experten. Keiner der Ökonomen geht davon aus, dass die Eurozone es in weniger als einem Jahr schaffen kann. Auch wenn der Arbeitsmarkt die Krise bislang besser als erwartet bewältigt hat und sich die EU-Staaten auf einen 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds geeinigt haben, lauern laut den Experten noch Gefahren.

Solange kein Impfstoff vorliege, müssten weiter Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden, so Ökonom Elwin de Groot von der Rabobank: „Eine zweite Serie von zumindest teilweisen Lockdowns könnte gravierende Folgen für die Wirtschaft haben.“

Die deutsche Wirtschaft ist laut dem Konjunkturbarometer des gewerkschaftsnahen Instituts IMK zwar wieder auf Wachstumskurs und lässt die Rezession hinter sich. „Angesichts der Tiefe des vorherigen Einbruchs handelt es sich bisher aber nur um eine teilweise Erholung“, sagte der wissenschaftliche Direktor des IMK, Sebastian Dullien. Trotz der zu erwartenden kräftigen Zuwächse der Produktion im Monats- und Quartalsverlauf werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Gesamtjahr 2020 nach Prognose der Düsseldorfer Forscher um mehr als sechs Prozent schrumpfen. Auch im kommenden Jahr werde Deutschland das wirtschaftliche Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreichen.

Im Mittel gehen die von Reuters befragten Ökonomen davon aus, dass das BIP der Eurozone dieses Jahr um 8,2 Prozent schrumpfen und 2021 um 5,5 Prozent zulegen wird. Die Experten sehen dabei auch die Gefahr, dass der in vielen Ländern durch Kurzarbeit stabilisierte Arbeitsmarkt nach dem Auslaufen entsprechender Regelungen in schwieriges Fahrwasser geraten könnte: „Wir erwarten eine zweite Entlassungswelle gegen Ende des Jahres, die sich bis in das nächste Jahr hinziehen wird“, sagte ING-Chefökonom Carsten Brzeski.

Mit einer Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) rechnen die Volkswirte angesichts dieser Lage vorerst nicht. Im Durchschnitt ihrer Prognosen gehen sie davon aus, dass der Leitzins im Euroraum auch Ende 2021 noch auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegen wird. Auf diesem Niveau befindet er sich bereits seit März 2016.

Auch bei den Strafzinsen für Banken erwarten die Ökonomen kurzfristig keine Wende. Im Durchschnitt ihrer Prognosen rechnen sie damit, dass der Einlagesatz auch Ende 2021 noch bei minus 0,50 Prozent liegen wird. Ein Minus-Zeichen bei dem Satz bedeutet, dass Banken auf ihre bei der Notenbank geparkten Gelder Strafzinsen zahlen müssen. Die EZB hatte den Einlagesatz erstmals 2014 auf unter null gesetzt. Inzwischen hat die EZB allerdings Freibeträge für die Institute eingeführt, sodass sie nicht mehr auf alle geparkten Gelder Strafzinsen zahlen müssen.

Wegen der Hilfsprogramme und des jüngsten Konjunkturpakets hat die Bundesregierung die jahrelange Politik ausgeglichener Haushalte über Bord geworfen. Sie kalkuliert 2020 mit der Rekordsumme von 218,5 Milliarden Euro an zusätzlichen Schulden. Zweimal musste sie die nötige Mehrheit im Parlament für die Ausnahme von der Schuldenbremse organisieren.