Berlin - Der britische Statistikprofessor David Spiegelhalter hat die Entscheidung in Deutschland zum Stopp der Impfungen mit Astrazeneca kritisiert. „Angesichts von Ungewissheit ist es gut, vorsichtig zu sein. Aber in den derzeitigen Umständen mit steigenden Fallzahlen in Deutschland dürfte die Vorsicht es gebieten, schnellstmöglich so viele Menschen wie möglich zu impfen“, sagte der Professor an der Universität Cambridge der dpa am Dienstag. 

Außerdem seien mögliche Schäden durch die Verstärkung von Vorbehalten gegen den Impfstoff zu bedenken. „Das sind schwierige Entscheidungen in ungewöhnlichen Zeiten“, so Spiegelhalter. In einem Gastbeitrag im Guardian hatte der Wissenschaftler am Montag zudem davor gewarnt, „kausale Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind“.

„Impfverzögerung wird Schaden anrichten“

Die klinischen Studien, die zur Zulassung des Astrazeneca-Impfstoffs in Großbritannien führten, und die Erfahrungen aus dem Impfprogramm in dem Land mit rund zehn Millionen verabreichten Dosen des Präparats hätten gezeigt, dass das Vakzin „außerordentlich sicher“ sei.

Die Bundesregierung hatte die Vergabe des Astrazeneca-Impfstoffs am Montag auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts vorübergehend angehalten, nachdem es neue Berichte über Fälle von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gegeben hatte. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte betont, es handle sich um eine „reine Vorsichtsmaßnahme“.

Der BBC sagte Spiegelhalter zu den Impfstopps, die zuvor auch in Irland und anderen europäischen Ländern veranlasst wurden: „Wenn das eine Verzögerung in der Verabreichung der Impfstoffe an Menschen bedeutet, die andernfalls eine Impfung bekommen hätten, dann wird das Schaden anrichten.“

Politiker fordern Impfgipfel-Teilnahme von Astrazeneca-Chef Soriot

In Deutschland fordern derweil immer mehr Politiker, dass der Chef von Astrazeneca, Pascal Soriot, am Impfgipfel teilnimmt. Die Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) sagte der Bild, die Bundesregierung müsse nun dafür Sorge tragen, dass Soriot teilnimmt. Der Vorstandschef müsse alle Fakten darlegen und erläutern, wie es nun gegebenenfalls weitergehe mit dem Impfstoff seiner Firma.

Der Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß erwartet laut ntv ebenfalls, dass Soriot auf dem Impfgipfel erscheint. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Erwin Rüddel, äußerte sich offenbar ähnlich: „Die Bürger warten auf Impfungen.“ Der Astrazeneca-Chef müsse „schnell Klarheit“ schaffen.