Kabul - Bei dem Doppelanschlag am Kabuler Flughafen sind nach jüngsten Angaben insgesamt 85 Menschen getötet worden. Es gebe mindestens 72 Todesopfer in den Krankenhäusern der Stadt, sagten zwei frühere Mitarbeiter des afghanischen Gesundheitsministeriums am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Unter den Opfern seien viele Frauen und Kinder. 

Mehr als 150 Menschen seien verletzt worden. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums wurden bei dem Doppelanschlag auch 13 US-Soldaten getötet und 18 weitere verletzt.

Nach Angaben der US-Armee hatten sich am Donnerstag nahe des Kabuler Flughafens zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Weitere Angreifer eröffneten dann das Feuer auf Soldaten und Zivilisten. Die USA machen den regionalen Ableger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) für die Anschläge verantwortlich.

IS bekennt sich zu Anschlägen 

Der lokale Ableger des IS reklamierte den Anschlag am Flughafen für sich. Dies verlautbarte IS-Khorasan, wie der IS sich in Afghanistan und Pakistan nennt, am Donnerstagabend mit einer über das Internet verbreiteten Nachricht des IS-Sprachrohrs Amak. Mit den Taliban, die in Afghanistan vor gut einer Woche die Macht an sich gerissen hatten, ist der IS verfeindet.

Das US-Militär rechnet mit weiteren Angriffen der Terroristen. „Wir glauben, es ist ihr Wunsch, diese Angriffe fortzusetzen, und wir rechnen damit, dass sich diese Angriffe fortsetzen werden“, sagte McKenzie. „Wir tun alles, was wir können, um auf diese Angriffe vorbereitet zu sein“, sagte er. Dazu gebe es auch Gespräche mit den Taliban, die für die Sicherheit außerhalb des Flughafens verantwortlich seien. Es handle sich um eine „extrem aktive Bedrohungssituation“ in der mit weiteren Angriffen zu rechnen sei, sagte der General weiter.

Biden droht Terroristen mit Vergeltung

Nach dem tödlichen Anschlag in der Nähe des Flughafens von Kabul hat US-Präsident Joe Biden den dafür verantwortlichen Terroristen mit Vergeltung gedroht.„ Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen. Wir werden Euch jagen. Ihr werdet dafür bezahlen“, sagte Biden. Das US-Militär werde Einsätze gegen die für den Anschlag verantwortliche Terrormiliz IS durchführen, kündigte er an.

Eine Explosion vor Flughafentor, eine weitere bei einem nahe gelegenen Hotel

Der Sprecher des politischen Büros der Taliban in Doha, Suhail Schahin, bestätigte, dass sich zwei Explosionen ereigneten. Eine der Explosionen fand ersten Informationen zufolge an einem der Flughafentore statt, eine weitere bei einem nahe gelegen Hotel. Es gab Befürchtungen, dass die Zahl der Todesopfer noch signifikant ansteigt. Auf Videos waren Dutzende Tote zu sehen.

Am frühen Freitagmorgen (Ortszeit) wurde Kabul nach Angaben von Mitarbeitern der Nachrichtenagentur AFP erneut von einer starken Explosion erschüttert. Die laute Explosion in Kabul geht dem Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid zufolge jedoch  darauf zurück, dass die US-Truppen Munition sprengen.

Ein auf Twitter geteiltes Bild, das offenbar vom Inneren des Flughafengeländes aufgenommen wurde, zeigte eine große Rauchwolke. Der lokale Fernsehsender Tolo-News veröffentlichte auf Twitter Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Verletzte in Schubkarren transportiert werden. Ein Augenzeuge erzählte dem TV-Sender, die Explosion sei sehr stark gewesen. Manche Menschen seien ins Wasser gefallen – an einem Gate ist ein langer Wassergraben – und mehrere ausländische Soldaten seien zu Boden gefallen. Er habe auch Tote gesehen.

Deutsche Soldaten sind nicht unter den Verletzten

Deutsche Soldaten waren laut dem Einsatzführungskommando nicht von dm Anschlag betroffen. Die Bundesregierung hat nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) derzeit keine Informationen über deutsche Opfer bei der Anschlagsserie am Flughafen von Kabul in Afghanistan. Maas sprach am Donnerstagabend in Berlin von einem „ekelhaften Anschlag“, der zahlreiche Tote und Verletzte zur Folge gehabt habe. Die „grauenhaften“ Bilder gingen „jedem ins Mark“.

Der Außenminister kündigte an, am Sonntag in die Region reisen zu wollen. Er will demnach Usbekistan, Tadschikistan und Pakistan sowie die Türkei und Katar besuchen. Maas versicherte, dass sich die Bundesregierung auch nach Ende der Evakuierungsflüge weiter für die Ausreise von Deutschen sowie auch von afghanischen Ortskräften einsetzen werde.

„Unsere Arbeit geht weiter und zwar solange bis alle in Sicherheit sind, für die wir in Afghanistan Verantwortung tragen“, sagte der Außenminister. Die Hilfsaktion gehe jetzt in eine neue Phase. Es würden dafür Gespräche mit verschiedenen Partnern und auch den radikalislamischen Taliban geführt. Dabei gehe es unter anderem um den Weiterbetrieb des Flughafens.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Donnerstag in Berlin, dies sei ein „absolut niederträchtiger Anschlag in einer sehr, sehr angespannten Situation“.

Bundeswehr schickt Transportflugzeug zurück

Die Bundeswehr schickte umgehend ein für die Versorgung von Verletzten ausgerüstetes Transportflugzeug A400M zurück zum Flughafen der afghanischen Hauptstadt. Die für mögliche Notfälle im Luftraum über Kabul bereitgehaltene Maschine landete am Abend nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur außerplanmäßig und bot den US-Amerikanern Hilfe bei der Versorgung an. Zudem wurden zwei deutsche Soldaten aufgenommen, die während des Chaos nach der Explosion vor dem Flughafen noch am Boden geblieben waren. Am Abend startete die Maschine nach Militärangaben wieder.

Seit Tagen vor Terroranschlägen gewarnt

Seit Tagen war vor Plänen der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) gewarnt worden. Mehr als zehn vorbereitete Attentäter seien in Kabul unterwegs, hieß es aus Militärkreisen. Der Bundeswehr lagen zudem Warnungen vor, dass ein Selbstmordattentäter durch Sicherheitskontrollen schlüpfen und womöglich - beispielsweise mit Sprengstoff in den Schuhsohlen - an Bord der A400M-Transportflugzeuge gelängen könnte, um sich dort „umzusetzen“, also den Sprengstoff zu zünden.

Taliban-Kämpfer sollen an ihren Kontrollstellen im Umfeld des Flughafens bereits mehrere Attentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) abgefangen und getötet haben. Zwar hatten mehrere Staaten ihre Bürger aufgerufen, dem Flughafen fernzubleiben, doch ungeachtet der Drohungen war das Gedränge immer schlimmer geworden.

Kreise: UN-Generalsekretär lädt Vetomächte zu Krisensitzung ein

Angesichts der chaotischen Situation und der angespannten Sicherheitslage in Afghanistan hat UN-Generalsekretär António Guterres die Vetomächte zu einem Krisentreffen eingeladen. Diplomatenkreisen zufolge sollen die Botschafter der USA, Chinas, Russlands, Großbritanniens und Frankreichs am Montag in New York mit dem UN-Chef zusammenkommen, um sich über die Lage auszutauschen.