Berlin - Die Flut-Katastrophe im Westen Deutschlands und in angrenzenden Nachbarländern wird die Bevölkerung noch lange beschäftigen. Auch in Zukunft stehen in Deutschland solche Extremwetterereignisse bevor. Denn Klimaforschern zufolge werden Unwetterlagen, aber auch Dürreperioden häufiger auftreten, weil die Erderwärmung weit fortgeschritten ist.

Angesichts der dramatischen Lage vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit mehr als hundert Toten forderte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag ein rasches Handeln gegen den Klimawandel. „Nur wenn wir den Kampf gegen den Klimawandel entschieden aufnehmen, werden wir Extremwetterlagen, wie wir sie jetzt erleben, in Grenzen halten“, mahnte der Bundespräsident.

Das Rad der Erderwärmung lässt sich nicht mehr zurückdrehen

Auffällig ist Steinmeiers Verweis auf „in Grenzen halten“. Denn auch die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen, wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht, werde extreme Wetterlagen erstmal nicht verhindern, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Auch wenn wir das jetzt umsetzen, haben wir trotzdem mit extremen Wetterlagen zu tun“, warnt der Potsdamer Klimaforscher in der ARD. Das Rad der Erderwärmung lasse sich nicht mehr zurückdrehen. „Warme Luft kann einfach mehr Wasserdampf aufnehmen und dann abregnen.“

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlichte eine erste Auswertung der Niederschlagsmengen, die über den betroffenen Regionen niedergingen. Die veröffentlichte Karte leuchtet in lila bis dunkelroten Tönen – der Wetterdienst registrierte eine Niederschlagssumme von über 182 Millimetern innerhalb von 72 Stunden in dem am schlimmsten betroffenen Raum, dem Märkischen Kreis in NRW. Zum Vergleich: Im trockenen Jahr 2020 wurde für ganz Deutschland ein durchschnittlicher Niederschlag von 704,9 Millimetern gemessen.

Bis 2040 ist ein stärkerer Hochwasserschutz nötig

„Generell wissen wir, dass Extremniederschläge im Zuge der Erderwärmung zunehmen. Das haben die Klimamodelle bereits vor 30 Jahren vorhergesagt und das ist inzwischen durch Datenauswertungen bestätigt“, sagt Rahmstorf. Künftig würden sich Niederschläge zum Beispiel auch so verändern, „dass Starkregen am stärksten zunehmen während der schwache Nieselregen eher abnimmt“.

Für Deutschland prognostizierten die Potsdamer Klimaforscher bereits in einer Studie vor drei Jahren, dass bis in die 2040er Jahre ein stärkerer Hochwasserschutz für die Bevölkerung nötig ist. Ohne Gegenmaßnahmen wären zwischen 2035 und 2044 in Brandenburg acht Mal mehr Menschen betroffen, in Niedersachsen zwölf Mal mehr und in Baden-Württemberg sogar 15 Mal mehr Menschen als heute von Hochwasser betroffen.

„Natürlich müssen wir uns an den schon erfolgten und unvermeidlichen Klimawandel anpassen“, fordert Rahmstorf. Wasser aus Starkregen-Ereignissen müsse neutralisiert werden, Regenwasser zum Beispiel in unterirdischen Auffangbecken gespeichert werden. „Für die lokalen Planer gibt es viele Aufgaben, sich zu überlegen, wie man mit dem extremen Regen, aber auch den zunehmenden Hitzeextremen so zurechtkommt, dass die Bürger möglichst wenig Schaden nehmen“, sagt der Potsdamer Klimaforscher. Die Deutsche Bahn hat bereits angekündigt, sich mit einer Resilienz-Strategie gegen künftige Wetterextreme zu wappnen.

Veränderung des Jetstreams ist der Grund für Wetterextreme 

Internationale Wissenschaftler sind schon in der Vergangenheit einem Phänomen auf die Spur gekommen, das sie für Rekordhitze und Überschwemmungen insbesondere im Jahr 2018 verantwortlich machen: eine Veränderung des Jetstream. Demnach waren die Wetterextreme verbunden mit einem besonderen Wellenmuster im Jetstream, einer großen Luftströmung, die die Erde umrundet. Die Wellen des Windbands blieben längere Zeit stehen, statt weiter zu wandern – dadurch hielten in den betroffenen Regionen die Wetterbedingungen länger an. Sie entwickelten sich zu Wetterextremen.

Bleiben die sogenannten Rossby-Wellen stehen, dann kann aus ein paar warmen sonnigen Tagen eine Hitzewelle oder Dürre entstehen – und aus ein paar regnerischen Tagen können Fluten werden. Forscher sahen zuletzt weltweit eine Zunahme dieses Musters.