Berlin - Mia ist etwas aufgeregt. Gleich geht es los mit dem Fahrrad. Die Achtjährige hat eine orangefarbene Warnweste an. Am Lenker ihres Kinderfahrrades ist ein Windrad angebracht und ein kleines Plakat. „Die Zukunft beginnt heute - Verkehrswende jetzt!“, ist darauf zu lesen. Es ist das Motto der Fahrradsternfahrt, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in diesem Jahr wieder organisiert hat und auf der Tausende Radler mit ihrer Fahrt in die Berliner City für eine lebenswerte Stadt demonstrieren. Mia nimmt zusammen mit ihrem Vater an diesem Sonntag das erste Mal daran teil. Auf der Kinderroute, die an der Jannowitzbrücke startet. „Ich fahre gerne Fahrrad“, sagt das Mädchen. Aber bei so einer Fahrraddemo habe sie bisher noch nie teilgenommen.

Auch ihr Vater ist das erste Mal Teilnehmer der Sternfahrt. „Ist doch cool hier“, sagt Elmar Osterkamp und zeigt auf die vielen Kinder, die mit ihren Eltern darauf warten, dass es losgeht. Der 31-Jährige erklärt, dass sich in Berlin endlich etwas verbessern müsse für Radfahrer. Sie müssten mehr Rechte bekommen und viel mehr Radwege. So wie in Kopenhagen, wo das „Radfahren einfach traumhaft“ sei. Dort hätten Radfahrer Priorität, es gebe Rad-Highways. Davon sei Berlin noch weit entfernt.

Elmar Osterkamp und seine Tochter kommen aus Tegel. Die Großeltern haben sie mit dem Auto zur Jannowitzbrücke gefahren. „Weil der Weg für Mia mit dem Fahrrad bis hierher zu weit gewesen wäre“, erzählt der 31-jährige Elmar Osterkamp. Er hat seiner Tochter seine Handynummer auf den linken Arm geschrieben. „Falls wir uns bei den vielen Menschen aus den Augen verlieren“, sagt Osterkamp. Immerhin hat sich die Teilnehmerzahl für die Kinderroute bis kurz vor dem Start auf geschätzt 1000 erhöht.

„Ich bin überwältigt, wie viele Mädchen und Jungen bei der Sternfahrt mitfahren“, sagt Lisa Feitsch, die Sprecherin des ADFC Berlin. Feitsch erzählt, dass sie sehr froh sei, dass nun endlich wieder eine Sternfahrt stattfinden könne, wenn die Teilnehmer bei der Fahrt auch Maske tragen müssten. Im vergangenen Jahr gab es keine Sternfahrt im herkömmlichen Sinne. Damals trafen sich Radfahrer pandemiebedingt an festgelegten Orten und bildeten so einen langen Fahrradstern.

Nun also wird wieder radelnd protestiert, und die Autofahrer müssen Umleitungen und Straßensperrungen in Kauf nehmen - auf 15 Routen vom Stadtrand in die Berliner Innenstadt. Hinzu kam die Kinderroute. Das sei eine ganz besondere Strecke, sagt ADFC-Sprecherin Feitsch. „Dort nehmen die jüngsten Radfahrer teil. Und gerade für sie ist es wichtig, jetzt für die Klima- und Verkehrswende und für eine lebenswerte Stadt zu kämpfen.“

Sabine Gudath
Die achtjährige Mia und ihr Vater Elmar Osterkamp aus Tegel nahmen an der Fahrraddemonstration teil.

Das sieht auch Andreas Rohwedder so. Der 36-Jährige aus Moabit ist mit seiner Tochter Hilda zur Sternfahrt angetreten. Hilda ist viereinhalb Jahre alt, sie weiß aber schon ganz genau, worum es geht. Immerhin fährt sie schon seit einem Jahr Fahrrad, wie sie stolz erklärt. „Ich möchte mehr Platz auf der Straße“, sagt Hilda. Und sie finde es doof, dass Autos immer wieder auf dem Radweg parken.

Sieben Kilometer lang ist die Kinderroute, die über die Alexanderstraße, die Torstraße, vorbei am S-Bahnhof Oranienburger Straße und dem Hauptbahnhof zum Großen Stern führt, wo sich die Sternfahrer aller Routen treffen. An den beiden Bahnhöfen stoßen noch zahlreiche radelnde Mädchen und Jungen mit ihren Müttern und Vätern zu dem Protestzug der jüngsten Radfahrer. Letztlich seien auf der Kinderroute mehrere Tausend Teilnehmer unterwegs gewesen, schätzt Lisa Feitsch. Das Wetter habe es gut gemeint. Insgesamt schätzt der ADFC die Teilnehmerzahl der Sternfahrt auf 20.000. Die Polizei spricht von einer Teilnehmerzahl im unteren fünfstelligen Bereich.

Sabine Gudath
Andreas Rohwedder aus Moabit will, dass seine viereinhalb Jahre alt Tochter Hilda sicher mit dem Fahrrad in Berlin unterwegs sein kann. 

Mit der ADFC-Sternfahrt anlässlich des Weltfahrradtages am 3. Juni sowie des Welttages der Umwelt am 5. Juni sende man ein deutliches Signal, sagt Frank Masurat vom Vorstand des ADFC Berlin, auf der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. „Die Berlinerinnen und Berliner wollen sicher radfahren und entspannt zu Fuß gehen können. Die Menschen wollen lebendige Kieze, und sie wollen sich klimafreundlich fortbewegen.“ Der laute und oft viel zu schnelle Durchgangsverkehr müsse aus den Kiezen raus. Mit der Wahl stehe Berlin im September an einem Wendepunkt. Die kommende Regierung müsse endlich die Stadt vor morgen gestalten.

Der ADFC fordert für die kommende Legislaturperiode die flächendeckende Umsetzung des Mobilitätsgesetzes. Bis 2030 sollten pro Jahr 60.000 Parkplätze umgewandelt und Verkehrsflächen neu verteilt werden. Laut Masurat sollten zudem Schnellstraßen und Autobahnen wie die A 100 zugunsten des klimafreundlichen Verkehrs zurückgebaut werden.

Das forderten bereits am Sonnabend Hunderte Menschen, die gegen den Weiterbau der Autobahn 100 in Neukölln und Treptow protestierten. Dabei wurde zunächst von 80 Demonstranten das Baugelände nahe der Grenzallee gestürmt. Sie wurden vorläufig festgenommen. Am Mittag versammelten sich rund 200 Menschen am anderen Ende der Baustelle an der Kiefholzstraße. Laut Polizei weigerten sie sich, das Areal zu verlassen. Einige Protestierende mussten weggetragen werden. Bei der Aktion seien auch Pressevertreter massiv an der Arbeit behindert worden, wirft die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) der Polizei vor. Demnach wurden zwölf Journalisten teilweise eingekesselt und in Gewahrsam genommen.