FDP-Politikerinnen: Würden Männer menstruieren, würden sie damit angeben 

Maren Jasper-Winter und Wiebke Knell wollen, dass Frauen offener über Unterleibsbeschwerden wie Endometriose sprechen können. Andere Länder sind da schon weiter.

Maren Jasper-Winter und Wiebke Knell von der FDP
Maren Jasper-Winter und Wiebke Knell von der FDPFDP

1978 veröffentliche die amerikanische Feministin Gloria Steinem ein satirisches Essay mit dem Titel „If Men Could Menstruate“ (zu Deutsch: Wenn Männer menstruieren könnten). Darin skizziert Steinem eine Welt, in der die Menstruation die Norm ist – weil eben Männer und nicht Frauen menstruieren.

Anstatt peinlich zu schweigen, würden Männer öffentlich damit angeben, wie lang und wie stark sie menstruieren. Der amerikanische Kongress – in Deutschland der Bundestag – hätte schon längst ein Nationales Institut zur Bekämpfung der Menstruationsbeschwerden finanziert.

Wucherungen im Unterleib: Zwei Millionen Frauen haben Endometriose

Steinems Gedankenspiel hilft zu verstehen, warum die Anerkennung für die Volkskrankheit Endometriose, von der zwei Millionen Frauen in Deutschland betroffen sind, noch immer fehlt. Denn diese fehlende Anerkennung ist das Produkt einer Gesellschaft, in der Frauen und ihre Belange noch immer nicht ausreichend berücksichtigt werden. Besonders in der Medizin existiert ein Gender Bias, der Frauen vernachlässigt und Männer privilegiert. Davon ist sowohl die Forschung als auch die Behandlung betroffen.

Doch die tradierten Rollenbilder, die hinter dem Unsichtbarmachen weiblicher Erfahrungen liegen, wirken weiter. In der Öffentlichkeit, sei es in großen Gesundheitsdebatten oder in der medialen Berichterstattung, existiert Endometriose schlichtweg nicht. Für eine Krankheit, die häufiger vorkommt als Diabetes Typ II, ist das schon bemerkenswert.

Doch nach Einschätzung von Expertinnen und Experten ist es auch das Periodentabu. Das führt dazu, dass eine der am weitesten verbreiteten Krankheiten bisher kaum an das Licht der Öffentlichkeit gelangt ist. Kaum jemand kennt Endometriose und spricht darüber.

Leiden führt zu Depressionen und Angststörungen

Oft heißt es: Endo-WAS? Endometriose beschreibt gebärmutterschleimhautähnliche Wucherungen, die für Betroffene zu enormen Schmerzen führen können. Schmerzen, die so stark sein können, dass Mädchen und Frauen nicht zur Schule oder Arbeit gehen können und so regelmäßig vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind.

Das Leiden ist groß: Andrea Franke, Leiterin der Beratungsstelle der Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V., zitiert Studien, nach denen die Hälfte der Frauen mit Endometriose Probleme am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft haben. Fast ein Drittel der Betroffenen leidet an Angststörungen und fast ein Fünftel an einer moderaten bis schweren Depression. Paare, die schwanger werden wollen, sind auch betroffen: Zwar führt Endometriose nicht automatisch zu Unfruchtbarkeit, aber sie kann das Schwangerwerden deutlich erschweren und ist daher oft der Grund für einen unerfüllten Kinderwunsch.

Endometriose ist bis heute nicht heilbar

Und obwohl Endometriose eine chronische Krankheit ist, mangelt es eigentlich an fast allem. Es gibt keine umfassende Grundlagenforschung, sodass die Ursachen der Krankheit bis heute ungeklärt sind. Die existierenden Behandlungsmöglichkeiten lassen sich an einer Hand abzählen: Frauen können sich entweder für eine hormonelle Behandlung, eine operative Entfernung oder eine Schmerztherapie entscheiden. Dabei müssen Betroffene mit wiederholten Operationen rechnen. Endometriose ist, auch wenn die Wucherungen gutartig sind, nicht heilbar. Und in vielen Fällen wissen Betroffene gar nicht, was mit ihnen geschieht – denn der durchschnittliche Diagnosezeitraum beträgt sieben Jahre.

In anderen Ländern wurde das Problem bereits erkannt und gehandelt. Am 11. Januar 2022 kündigte der französische Präsident eine nationale Strategie gegen Endometriose an. Australien veröffentlichte bereits 2018 einen Aktionsplan und setzt diesen nun um. In Deutschland sind es vor allem Aktivistinnen und Verbände neben ausgewählten Ärztinnen und Ärzten, die als Anlaufstellen für Betroffene fungieren. Anfang des Jahres startete die Studentin Theresia Crone eine Petition, in der sie eine nationale Strategie nach französischem Vorbild fordert, und sammelte mehr als 134.00 Unterschriften.

Das Periodentabu muss endlich fallen

All das zeigt: Die Zeit ist reif, und nun ist die Politik an der Reihe, um eine Debatte über Endometriose anzustoßen und Maßnahmen zu ergreifen. Es braucht mehr Forschungsgelder, bessere und vor allem mehr Behandlungsmöglichkeiten sowie ein umfassendes Screening beim Frauenarzt – denn wenn jede zehnte Frau an Endometriose leidet, muss jede Frau vorsorglich untersucht werden. Und mehr Aufklärung ist notwendig, sowohl in Medizinstudium und -ausbildung als auch in den Schulen. Erst wenn das Periodentabu fällt, sind junge Mädchen und Frauen endlich frei – und erhalten die gesundheitliche Versorgung, die sie benötigen.

Stellen wir uns also eine Welt im Sinne von Gloria Steinem vor – denn wenn Männer menstruieren könnten, wäre Endometriose sicher schon längst als Volkskrankheit anerkannt.