Die Aufnahmebereitschaft für Geflüchtete aus der Ukraine ist nach Ansicht der Migrationsforscherin Petra Bendel größer als bei den vorherigen Fluchtbewegungen. Vor allem insofern, „als sich aktuell auch solche Staaten solidarisch erklären, die das in der Vergangenheit abgelehnt haben - namentlich Polen und Ungarn“, sagte Bendel, die den Forschungsbereich Migration, Flucht und Integration (MFI) des Instituts für Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg leitet, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die Gründe dafür seien vielfältig, sagte Bendel, die auch Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration ist, den die Bundesregierung im Jahr 2020 ins Leben gerufen hat. Ein Grund sei sicherlich die geografische Nähe: „Wir sind in der EU nunmehr Anrainer eines Krieges.“ Auch lebten bisher schon viele Ukrainerinnen und Ukrainer in EU-Mitgliedsstaaten wie Deutschland, Polen, Italien oder Spanien. Das beeinflusse natürlich die Wahrnehmung. Hinzu komme, dass es sich bei den Schutzsuchenden derzeit vor allem um Frauen und Kinder handelt, erläuterte Bendel.

Bendel sagte, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gehe davon aus, dass schon jetzt rund eine Million Kinder aus der Ukraine geflüchtet sind. Diese seien besonders gefährdet, vor allem, wenn sie nicht im Familienverband unterwegs sind, sagte die Migrationsforscherin: „Sie sind vielfach psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt, geraten öfter in Abhängigkeitsverhältnisse und sind auch von Arbeits- und sexueller Ausbeutung deutlich häufiger bedroht.“ Einzelne Personen, aber auch organisierte Kriminelle nutzten den Schutzbedarf selbst in solchen Situationen aus.

Vom derzeit kursierenden Schlagwort des „Fluchtrassismus“ - mit Blick auf die deutlich gesteigerte Aufnahmebereitschaft gegenüber Flüchtlingen aus Europa - hält Bendel hingegen nicht viel. Die Realität sei „sicherlich komplexer“. Deutschland habe auch Schutzsuchende aus Syrien, dem Irak und Afghanistan aufgenommen. Gleichwohl harrten immer noch Asylsuchende auf griechischen Inseln aus, es gebe immer noch Pushbacks von Asylsuchenden an EU-Außengrenzen, und weiter ertränken Schutzsuchende auf dem Mittelmeer, betonte Bendel.