Berlin/Homs - Regelmäßige Folter von Gefangenen, schwere Körperverletzungen und sogar Mord. Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen einen in Deutschland lebenden und hier auch praktizierenden Arzt erhoben. Alaa M. soll in 18 Fällen Menschen gefoltert und einen dieser Menschen anschließend getötet haben, sind die Ermittler überzeugt. Sie haben jetzt Anklage erhoben. In vier Fällen ist Alaa M. angeklagt, einem Menschen „schwere körperliche und seelische Schäden zugefügt zu haben.“ In zwei Fällen soll er zudem versucht haben, „andere Menschen der Fortpflanzungsfähigkeit zu berauben“, teilte die Behörde mit. Unter anderem habe er einem Jugendlichen den Penis mit Alkohol übergossen und dann mit einem Feuerzeug angezündet. 

Zwischen April 2011 und Ende 2012 arbeitete der Angeklagte als Assistenzarzt im Militärkrankenhaus Nr. 608 in der syrischen Stadt Homs. Zudem arbeitete er als Arzt im Militärkrankenhaus Mezzeh Nr. 601 in Damaskus. Sowohl in den genannten Militärkrankenhäusern als auch im Gefängnis der Abteilung 261 des syrischen Militärischen Geheimdienstes „misshandelte er inhaftierte Zivilisten“, so die Bundesanwaltschaft.

In den Hafteinrichtungen seien die Insassen regelmäßig der Folter ausgesetzt gewesen. Der Opposition zugerechnete zivile Verletzte wurden laut Anklage „auch in Militärkrankenhäuser verbracht, dort gefoltert und nicht selten getötet.“ In der Anklageschrift listen die Ermittler nun die Verbrechen auf, die Alaa M. nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft als Arzt begangen hat. 

Diese sieben Taten beging Alaa M. laut Anklage

  • Im Sommer 2011 übergoss Alaa M. in der Notaufnahme des Militärkrankenhauses Nummer 608 in Homs die Genitalien eines 14 oder 15 Jahre alten Jungen mit Alkohol und entzündete die Stelle mit einem Feuerzeug. Auf dieselbe Weise misshandelte der Angeschuldigte im Juli oder August 2011 einen in die Notaufnahme des Militärkrankenhauses eingelieferten Mann.
  • Zwischen April und November 2011 folterte Alaa M. im Militärkrankenhaus Nr. 608 in Homs mindestens neun weitere Gefangene, indem er diese bei verschiedenen Gelegenheiten unter anderem trat, ihnen mit der Faust in das Gesicht, den Bauch oder die Genitalien schlug oder ihnen Schläge mit medizinischen Instrumenten versetzte. Einem Häftling quetschte der Angeschuldigte die Genitalien, einem anderen schlug er auf einen bestehenden Knochenbruch. An einem Häftling führte der Angeschuldigte die Korrektur einer Knochenfraktur ohne ausreichende Narkose durch.
  • Im Oktober oder November 2011 nahm der syrische Militärische Geheimdienst zwei Brüder sowie deren Bekannten fest und inhaftierte sie im Gefängnis der Abteilung 261 in Homs. Am Morgen nach der Festnahme erlitt einer der Brüder einen epileptischen Anfall. Der herbeigerufene Angeschuldigte schlug dem Kranken ins Gesicht, versetzte ihm Schläge mit einem Plastikschlauch und trat ihm gegen den Kopf. Wenige Tage danach verabreichte Alaa M. dem durch den epileptischen Anfall Geschwächten eine Tablette. Dieser verstarb kurz darauf, ohne dass die Todesursache eindeutig geklärt werden konnte.
  • Ende Juli oder Anfang August 2012 misshandelte Alaa M. gemeinsam mit anderen Bediensteten einen Gefangenen im Militärkrankenhaus Nr. 608 in Homs. Unter anderem hängten sie den Gefangenen mit den Händen an der Decke auf und schlugen mit einem Plastikstock auf ihn ein. Insgesamt nahm der Angeschuldigte an mindestens zehn Foltersitzungen zum Nachteil des Opfers teil. Bei einer Gelegenheit übergoss er dessen Hand mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete sie an.
  • Im Juli oder August 2012 trat Alaa M. im Militärkrankenhaus Nr. 608 in Homs einem Gefangenen mit Stiefeln auf dessen vereiterte Wunde am Ellenbogen, aus der daraufhin Blut und Eiter austraten. Sodann begoss der Angeschuldigte die Wunde mit einem alkoholhaltigen Desinfektionsmittel und entzündete dieses. Anschließend trat der Angeschuldigte dem Gefangenen in das Gesicht, wodurch drei Zähne erheblich beschädigt wurden. Sie mussten später durch eine Prothese ersetzt werden. Zudem versetzte der Angeschuldigte dem Opfer mit einem Schlagstock Hiebe am ganzen Körper. Durch einen Schlag auf den Kopf verlor der Gefangene das Bewusstsein.
  • Wenige Tage danach schlug und trat Alaa M. auf mehrere in einer Zelle des Militärkrankenhauses Nr. 608 in Homs untergebrachte Gefangene ein. Weil sich ein Häftling durch Tritte wehrte, prügelte Alaa M. mit einem Schlagstock auf ihn ein und fixierte ihn sodann mit Hilfe eines Krankenpflegers am Boden. Kurze Zeit später verabreichte der Angeschuldigte dem Häftling eine Injektion mit einer tödlich wirkenden Substanz in den Oberarm, an der er innerhalb weniger Minuten verstarb.
  • Zwischen Ende 2011 und März 2012 misshandelte Alaa M. gemeinsam mit anderen Bediensteten Gefangene im Militärkrankenhaus Mezzeh Nr. 601 in Damaskus. In mindestens drei Fällen schlug er Opfer, einmal auch mit Gegenständen, oder trat auf sie ein.

Folter-Arzt reiste mit Visum der deutschen Botschaft ein

Mitte 2015 verließ Alaa M. Syrien und setzte sich nach Deutschland ab. Er reiste den Ermittlungen zufolge mit einem Visum der deutschen Botschaft in Beirut ein und war hier als Arzt herzlich willkommen. Er praktizierte in Kliniken in Bad Wildungen und Hessisch Lichtenau. Erst durch die Aussagen syrischer Folteropfer kamen die Ermittler dem Folter-Arzt auf die Spur. 

M. wurde am 19. Juni 2020 aufgrund eines Haftbefehls des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs festgenommen. Seit dem 20. Juni 2020 befindet er sich in Untersuchungshaft.