Kiel - Urlauber müssen aufpassen: An einigen Ostseestränden gibt es in diesem Sommer viele Quallen – und nicht nur harmlose wie Rippen- oder Ohrenquallen. „Die Feuerquallen sind früh dran“, sagt Jamileh Javidpour, Professorin der Syddansk Universität (Dänemark) und Gastwissenschaftlerin am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Eigentlich seien diese erst Mitte bis Ende Juli zu erwarten. „Dieses Jahr ist ein Quallen-Jahr.“

Ein erhöhtes Quallenaufkommen hat auch Schleswig-Holsteins DLRG-Geschäftsführer Thies Wolfhagen beobachtet. „Wie so oft sind in der Ostsee auch in diesem Sommer größere Quallenaufkommen im strandnahen Bereich zu beobachten als an der Nordseeküste.“ Da die örtliche Bewegung der Quallen großenteils von Strömungen und Temperaturschichten abhängig sei, fänden Badende in der tidenabhängigen, kälteren Nordsee meist weniger Quallen als in der Ostsee.

Kein erhöhtes Quallen-Aufkommen im Watt

An der niedersächsischen Nordseeküste müssen Badende aktuell anders als in der Ostsee keine übermäßige Angst vor Kontakt mit den glibberigen Tieren haben. „Derzeit gibt es vor der niedersächsischen Küste kein signifikant erhöhtes Quallenaufkommen“, sagt Imke Zwoch von der Wattenmeer-Nationalparkverwaltung.

Das Aufkommen der Quallen ändert sich von Jahr zu Jahr. Ein Grund für die relativ große Menge zu Sommerbeginn sieht die Kieler Meeresbiologin Javidpour im milden Winter und dem vergleichsweise kalten Frühjahr. „Quallen brauchen einen Temperatur-Schock. Wenn sie unter Schock stehen, dann produzieren sie viel mehr Medusen.“ Diese lassen sich in Bereiche treiben, wo bessere Bedingungen herrschen. Deswegen finden Strandbesucher in einer Ecke viel mehr Tiere als 100 Meter weiter.

Eine App und Drohnen sollen Informationen über Quallen-Population liefern

Javidpour betreibt seit 17 Jahren ein Monitoring der Quallen-Population in der Kieler Förde. Zur Verbreitung und Nutzung von Quallen lässt die Europäische Union in dem Projekt „GoJelly“ forschen, an dem neben der Universität von Süddänemark auch Geomar sowie die Kieler und die Hamburger Universität mitmachen.

Über die Smartphone-App Jelly Spotter können Nutzer den Forschern Bilder von Quallen in der Ostsee übermitteln. Sie helfen damit, mehr Informationen über die Quallen-Population in der westlichen Ostsee zu erfahren. „Die Nutzung der App hilft uns, Zugang zu Küstenregionen an der Ostsee zu erhalten, zu denen uns selbst der Zugang fehlt“, sagt Javidpour. „Je mehr Nutzer, desto besser.“ Zudem setzen die Forscher auf Drohnen.

Forscher: Vorsicht vor der Feuerqualle

Die Forscher wollen Modelle entwickeln, wie sich Quallenvorkommen künftig vorhersagen lassen. Im Idealfall könnte die App bereits im Sommer 2022 um eine entsprechende Funktion ergänzt werden, sagte Javidpour. „Ziel ist eine interaktive Karte, wo Vorhersagen für die Eckernförder Bucht, die Lübecker Bucht und auch andere Küstenabschnitte in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern möglich sind.“

Die meisten heimischen Quallenarten sind harmlos. „Die einzige Qualle, bei der man Vorsicht walten lassen muss, ist die Feuerqualle“, sagt Javidpour. Berührungen sind mindestens unangenehm, können aber auch eine allergische Reaktion auslösen. Betroffene sollten sich an die Rettungsschwimmer der DLRG wenden und einen Arzt kontaktieren.

Rasierschaum hilft, Symptome nach Berührung mit Feuerquallen zu lindern

An bewachten Stränden helfen die Rettungsschwimmer mit Hilfsmitteln zur Linderung der Symptome. „Ein starkes Brennen samt Rötung ist das sicht- und fühlbare Resultat einer Berührung mit Feuerquallen“, sagt Wolfhagen. Rasierschaum helfe effektiv, die Symptome zu lindern. „Einfach den Rasierschaum auf die betroffenen Hautstellen dick auftragen, etwas eintrocknen lassen und mit einer Plastikkarte oder einem Holzspatel abschaben“, rät er. Zum Abspülen sollte vor- oder hinterher Meer- statt Leitungswasser verwendet werden, damit die Nesselzellen auf der Haut nicht platzen.

Berührungen mit einer Nesselqualle seien meist weit schmerzhafter als mit einer Ohrenqualle, trotzdem seien die Tentakel für einen gesunden Menschen in der Regel nicht gefährlich, sagt Wolfhagen. Allergische Reaktionen seien selten. „Bei akuten Allergiereaktionen zum Beispiel mit Auswirkungen auf Atmung und/oder Kreislauf sollte aber schnell ein Notruf über die 112 abgesetzt werden.“