Mindestens vier Menschen sind bei einem Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen ums Leben gekommen. Ein Regionalexpress mit etwa 140 Menschen an Bord entgleiste in der beliebten oberbayerischen Urlaubsregion auf dem Weg von Garmisch nach München.

Wie die Polizei mitteilte, wurden am Freitag etwa 30 Menschen verletzt, 15 von ihnen kamen in Krankenhäuser. An diesen Angaben könne sich im Laufe des Abends aber noch etwas ändern, wenn Meldungen aus den Krankenhäusern zum Zustand der Patienten eingingen. Unter den Verletzten seien alle Altersgruppen, darunter auch Kinder.

Zugunglück: Zwölf Menschen noch vermisst

Zunächst galt noch ein Dutzend Menschen als vermisst. „Wir sind auch insofern ein bisschen besorgt, dass wir immer noch zwölf Vermisstenmeldungen haben, die noch nicht endgültig abgearbeitet werden konnten“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Freitagabend im BR Fernsehen. Es könne aber sein, dass Vermisste bereits in den Kliniken seien. Einige seien so schwer verletzt, dass die Identität der Patienten noch nicht habe geklärt werden können. Er hoffe, dass die Polizei diese Vermisstenfälle in der Nacht abarbeiten könne.

Es könne jedoch auch immer noch nicht ausgeschlossen werden, dass unter den entgleisten und umgestürzten Waggons weitere Tote liegen, so Herrmann.

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Mehrere Waggons stürzten auf die Seite.

Drei der voraussichtlich vier Todesopfer mussten am Abend noch geborgen werden. Sie lägen noch unter einem umgestürzten Waggon, berichtete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann vor Ort, als bei den Rettungsarbeiten auch noch ein Wolkenbruch niederging. „Solange der Eisenbahnwaggon aber nicht angehoben ist, können wir nicht ausschließen, dass darunter weitere Tote liegen.“ Ein vierter Mensch sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Als die Politiker sich ein Bild von der Lage machten, liefen die Notoperationen im Krankenhaus.

Es könnten viele Schüler in der Bahn gewesen sein

Der Regionalzug sei gegen Mittag Richtung München unterwegs gewesen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass zum Ferienbeginn viele Schüler in der Bahn waren, sagte ein Sprecher des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen

Auf Luftbildern ist zu erkennen, dass der Zug mit Doppelstockwagen auf einer einspurigen langezogenen Kurve unterwegs war. Eine Weiche ist nicht zu sehen. Der Streckenabschnitt liegt erhöht auf einem Bahndamm, mehrere Waggons rutschten vom Damm in einen kleinen Bach. Die viel befahrene B2 führt genau vorbei.

Die Bergung der Fahrgäste war am Nachmittag Polizeiangaben zufolge abgeschlossen. „So weit wir das überblicken können, sind alle Menschen aus dem Zug geborgen“, sagte ein Polizeisprecher. Die Rettungskräfte würden die Waggons des entgleisten Zuges aber sicher noch einmal in Ruhe durchsuchen. „In so einem Bereich zu arbeiten, ist nicht ungefährlich“, sagte der Sprecher.

Feuerwehr, Notärzte und Polizei waren mit einem Großaufgebot vor Ort. Nach Angaben eines Sprechers der ADAC-Luftrettung waren sechs Rettungshubschrauber im Einsatz, drei davon vom ADAC.

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Rettungskräfte an der Unfallstelle.

Zunächst blieb unklar, wie es zu dem Unglück kam. Am Nachmittag liefen vor Ort die ersten Ermittlungen. Polizei und Staatsanwaltschaft wollten mit Hilfe von Sachverständigen des Eisenbahnbundesamts herausfinden, warum der Regionalzug auf der eingleisigen Strecke entgleist ist. Man stelle sich auf „langwierige Ermittlungen“ ein, sagte ein Polizeisprecher.

Klar schien, dass es keinen Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug gab. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter sagte, am Unglück sei „kein zweiter Zug und kein anderes Fahrzeug beteiligt“ gewesen. Die Strecke war erst 2013 und 2014 für den Stundentakt ausgelegt worden. Sie ist nach Angaben eines Bahnsprechers mit elektronischen Stellwerken und moderner Sicherungstechnik ausgerüstet.

Schock nach Zugunglück: „Es ist grauenvoll“

Ein amerikanischer Soldat war in einem der Autos auf der Straße neben der Bahnstrecke und erzählte seine Eindrücke dem Garmisch-Partenkirchner Tagblatt: „Es war schrecklich“, sagte er. „Einfach schrecklich. Plötzlich ist der Zug umgekippt.“

Die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, Elisabeth Koch, zeigte sich geschockt. „Es ist grauenvoll.“ Auch der Landrat des gleichnamigen Landkreises, Anton Speer, rang mit den Worten. „Der Schock sitzt noch tief.“ Er lobte die Retter, die innerhalb von 45 Minuten die Menschen aus dem Zug geholt hätten. Auch 15 Bundeswehrsoldaten halfen mit, die zufällig im Zug saßen.

Bahn richtet Hotline für Angehörige ein

Die Deutsche Bahn sprach den Angehörigen der Opfer ihr „tiefes Mitgefühl“ aus und richtete eine Hotline für Angehörige ein. „Über die Ursachen des Unfalls kann derzeit noch keine Aussage getroffen werden“, hieß es in einer Mitteilung.

Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) machte sich auf den Weg zur Unglücksstelle. Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) machte sich nach dem Abschluss der Innenministerkonferenz von Würzburg auf den Weg nach Garmisch. Dort wolle sie angesichts des schrecklichen Zugunglücks die Anteilnahme der Bundesregierung ausdrücken, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit.

Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und Oberau gesperrt

Die Bahn sperrte die Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und Oberau. Züge aus Richtung München wenden vorzeitig in Oberau. Aus Richtung Mittenwald wenden die Züge vorzeitig in Garmisch-Partenkirchen. Ersatzverkehr sei in Planung, hieß es auf Twitter. Ob der Regionalzug wegen des neuen 9-Euro-Tickets besonders voll war, war unklar.

Für die Region an der Grenze zu Österreich ist das Unglück kurz vor den Ferien auch verkehrstechnisch eine Katastrophe. Die Autobahn 95 wurde rund 20 Kilometer vor Garmisch gesperrt. Die nahe der Bahnlinien verlaufenden Bundesstraßen 2 und 23 ebenfalls. „Wir können den Verkehr im Moment nicht in Richtung Garmisch-Partenkirchen laufen lassen, weil die Rettungskräfte auf der Straße sind“, sagte ein Polizeisprecher. Wegen des Beginns der Pfingstferien in Bayern sei auf der Route mit langen Staus zu rechnen.