Frankfurt - Fahrgäste der Deutschen Bahn (DB) müssen von Mittwoch an mit erheblichen Einschränkungen rechnen. Davon werden auch die S-Bahn Berlin und der Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg betroffen sein. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat am Dienstag einen Arbeitskampf angekündigt. Bei der Urabstimmung hätten 95 Prozent der teilnehmenden Mitglieder dafür votiert, die Arbeit niederzulegen, teilte der Bundesvorsitzende Claus Weselsky in Frankfurt am Main mit. Die Bahn reagiert mit einem Ersatzfahrplan ab Mittwoch. Rund 25 Prozent der Kapazität bleibe im Fernverkehr erhalten, teilte das Bundesunternehmen mit.

Der Streik soll an diesem Dienstag um 19 Uhr im Güterverkehr beginnen, so der GDL-Chef bei einer Pressekonferenz. Es folge ein bundesweiter 48-stündiger Streik im Personenverkehr und in der Bahn-Infrastruktur vom Mittwoch, 2 Uhr, bis Freitag, 2 Uhr.

Gewerkschaft hält weitere Arbeitsniederlegungen für möglich

„Wir werden auch die S-Bahn Berlin in den Arbeitskampf einbeziehen“,  bestätigte Volker Krombholz, Vorsitzender des GDL-Bezirks Nord-Ost, der Berliner Zeitung. Das Tochterunternehmen der DB beförderte vor Corona mehr als eine Million Menschen pro Tag. Auch im Regionalverkehr, zu dem stark frequentierte Linien wie die RE1 nach Potsdam, Brandenburg an der Havel und Frankfurt (Oder) gehören, werde der Arbeitskampf spürbar sein. Gleiches gelte für den Fernverkehr der DB, hieß es.

Krombholz kündigte zusätzliche Arbeitsniederlegungen an, falls sich die Gegenseite nicht auf die Gewerkschaft zubewege. „Wir sind bereit für weitere Arbeitskampfmaßnahmen.“ Über deren Zeitpunkt und Länge werde der geschäftsführende Vorstand der GDL entscheiden.

So wie es momentan aussehe, sei für das nächste Wochenende aber noch nicht mit einem neuen Streik zu rechnen, hieß es intern. Damit blieben Wochenendpendler fürs Erste verschont. Die Gewerkschaft habe sich bewusst dazu entschieden, die Arbeitsniederlegung öffentlich anzukündigen. „Dann haben die Fahrgäste der DB die Möglichkeit, sich darauf einzustellen“, so der GDL-Bezirkschef.

BVG: Zusätzliche Fahrten nicht möglich

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), ein Unternehmen des Landes Berlin, sind von der Arbeitsniederlegung nicht betroffen. U-Bahnen, Straßenbahnen, Busse und Fähren verkehren wie gewohnt. Eine zusätzliche Verstärkung einzelner Linien mit mehr Fahrzeugen ist auch aufgrund der sehr kurzen Vorwarnzeit nicht möglich, sagte BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt. „Wir bereiten uns natürlich darauf vor, dass die Nachfrage im Fall eines S-Bahn-Streiks steigen wird“, sagt Rolf Erfurt, BVG-Vorstand Betrieb. „Wir werden das volle Fahrplanangebot auf die Straßen und Schienen bringen und – wo es machbar ist – die größtmöglichen Fahrzeuge einsetzen. Wir sind aber trotz Pandemie auch schon planmäßig mit vollem Einsatz unterwegs.“ Die BVG appellierte an die Fahrgäste: „Nehmen Sie besonders Rücksicht und haben Sie im Zweifel etwas Geduld.“

Während des jetzigen Streiks hätten der Arbeitgeber und der Bund Zeit zu überlegen, ob sie ein neues, verbessertes Angebot auf den Tisch legen, sagte Volker Krombholz.

Deutsche Bahn: Streik sei „unnötig und völlig überzogen“

Die Deutsche Bahn kritisierte die vom GDL-Chef heute angekündigten kurzfristigen Streiks im Bahnverkehr als unnötig und völlig überzogen. „Die GDL-Spitze eskaliert zur Unzeit. Gerade in einem systemrelevanten Bereich wie der Mobilität gilt es jetzt, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und nicht unsere Kunden zu belasten“, sagte Martin Seiler, Personalvorstand des Bundesunternehmens. „Gerade jetzt, wenn die Menschen wieder mehr reisen und die Bahn nutzen, macht die GDL-Spitze den Aufschwung zunichte, den wir in Anbetracht der massiven Corona-Schäden dringend brauchen.“

Die DB halte eine Einigung über die materiellen Forderungen für möglich und appelliert an die GDL-Spitze, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, so der Bahn-Manager am Dienstag weiter. Sie habe ihr Angebot erweitert und sei auf die GDL zugegangen. Es umfasse jetzt Lohnerhöhungen in der Höhe der geforderten 3,2 Prozent in zwei Schritten: 1,5 Prozent zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023 mit einer Laufzeit bis zum 30. Juni 2024. Die Gewerkschaft fordert dagegen eine deutlich kürzere Laufzeit des neuen Tarifvertrags: 28 Monate.
 
Die DB werde alles unternehmen, um die Auswirkungen eines Streiks für ihre Fahrgäste im Personenverkehr und Kunden im Güterverkehr so gering wie möglich zu halten, sagte Seiler. Trotzdem müsse mit Beeinträchtigungen gerechnet werden. Die DB werde sich gegenüber den Fahrgästen maximal kulant zeigen, hieß es.

Ersatzfahrplan: 75 Prozent Kapazität weniger

Die Bahn reagiert mit einem Ersatzfahrplan für den Fern- und Nahverkehr. Im Fernverkehr werde das bundesweite Angebot für Mittwoch und Donnerstag auf rund ein Viertel reduziert, so das Unternehmen. Priorität haben die besonders stark genutzten Verbindungen, so zwischen Berlin und der Rhein-/Ruhr-Region, zwischen Hamburg und Frankfurt (Main) sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen.
 
Ziel sei es, während des Streiks auf ausgewählten Hauptachsen ein zweistündliches Angebot zuverlässig aufrechtzuerhalten, so die DB. Dabei werden Züge mit der größtmöglichen Kapazität eingesetzt, unter anderem XXL-ICE mit 918 Sitzplätzen.

„Mögen die Spiele zulasten wehrloser Fahrgäste beginnen“

Kritik kam auch von der Wirtschaft der Hauptstadt-Region. „Die GDL handelt unverantwortlich, wenn sie ausgerechnet jetzt einen Streik vom Zaun bricht“, sagte Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB). „Die Beschäftigten unserer Betriebe müssen die Möglichkeit haben, sicher und zuverlässig zur Arbeit zu kommen. Gerade zwischen Berlin und Brandenburg ist die Zahl der Pendler besonders groß. Möglicherweise überfüllte Züge sind noch immer ein Risiko. Zudem haben viele Firmen die Folgen der Krise längst nicht überwunden und können auf keine Fachkraft verzichten. Hier müsste eine Gewerkschaft mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legen.“
 
In anderen Ländern wurden Notfahrpläne erarbeitet, damit bei Arbeitsniederlegungen ein Basisangebot aufrechterhalten wird, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Schon bei vergangenen Lokführerstreiks habe er dies immer wieder für die Hauptstadt-Region gefordert. „Reaktion aus der Politik – keine“, so Wieseke am Dienstagmittag. Er sei müde, dass nicht reagiert wurde. „Also muss ich das nicht weiter kommentieren. Mögen die Spiele zulasten wehrloser Fahrgäste beginnen.“

BVG muss die Lücken füllen

Beim GDL-Streik 2015 war zumindest rund ein Drittel der S-Bahnen in Berlin und Brandenburg gefahren, weil nicht alle Lokführer mitmachten und die Arbeit niederlegten. Damals konzentrierte sich der Betrieb auf die Außenbezirke und das Umland. Dagegen rollten auf Abschnitten der Stadtbahn, die sich durch das Zentrum zieht, und des Rings keine S-Bahn-Züge.

Eine ähnliche Lösung kann sich Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB auch für diesen Ausstand vorstellen. „Im Innenstadtbereich könnte die BVG die Lücken füllen.“