Gestern war es. Ein Fernweh zwickte wie ein Bettfloh. Geh mal nachsehen, sagte er. Sieh nach, ob wir noch angebunden sind. Ans Land, an die Welt. Ob die Menschen aufbrechen und ankommen, einander in die Arme fallen und traurig den abfahrenden Zügen hinterherblicken, ihre Finger verknotend, als könnten sie so das Sehnen zerquetschen. Schau, ob das Warten noch einen Ort hat. In den Schlangen vor Läden kann es nicht überleben. Nicht diese Art des Wartens, in der die Erfüllung bereits enthalten ist. Das sich selbst genügt wie eine Bank in der Sonne.

Muss man verreisen, um zum Hauptbahnhof zu fahren? Eine merkwürdige Annahme. So vieles kann man dort tun ohne Koffer und Ticket, ohne Plan und Ziel. Gerade jetzt, da diese Orte wie alles auf den großen Aufbruch warten. Auf die neue Zeit. Wuchtige Worte. Zu wuchtig. Sie wird ja ganz leise kommen. Und am Ende der alten vielleicht sehr ähnlich sehen.

Man kann die Gleisbetten aufschütteln. Mit der Anzeigetafel flirten. Der Welt zuwinken. Dem Klackern der Rollkoffer zuhören und Gepäckwagen als verschwundenen Gegenstand erkennen. Tauben zählen. Rolltreppe fahren. Kürzlich träumte ich, einige große Konzerne – Apple, Google und Co. – hätten sie in aller Heimlichkeit umgebaut. Nun musste man sich die letzten Meter selber hochziehen. Anstrengend und gefährlich. Journalistinnen hatten die Tat aufgedeckt und schrieben einen Brandbrief. Die eigentlich wichtige Frage stellte das Kind: Warum haben die Firmen das getan?

Wir fragen viel zu selten nach dem Warum. Und nach dem Wann. Wann sind die Gepäckwagen verschwunden? Der Exodus war leise wie der flächendeckende Abtransport der Telefonzellen. Ob die Gepäckwagen auch irgendwo lagern, auf einem Friedhof ausgetauschter Gegenstände? Ob mit ihnen ein blühender Handel getrieben wird? Zu wünschen wäre es, verschwinden doch mit den Dingen auch Geräusche und Gerüche. Der Duft alter Telefonbücher ist für immer verhaucht. Daten kennen keine Sinne.

Schon in der Drehtür merke ich: Der Floh ist mitgefahren. Bettgeflüster reicht ihm nicht. Vielleicht war das Tier einst selbst viel auf Reisen, in der Frisur eines Pendlers oder auf der Schulter eines Backpackers. Jetzt sitzt er auf meiner und erinnert mich an einen melancholischen Text über Bahnhofslokale. In Düsseldorf gibt es noch eines, und auch in Zürich saß ich vor vielen Jahren auf einer unbequemen Lederbank mit Nieten und war glücklich.

Ob ich Zeitung las, weiß ich nicht mehr. In einer alten, die ich vor kurzem querlas, stand, der Postbahnhof werde vermutlich künftig nicht mehr der Kultur dienen, sondern in Büros umgewandelt. Jetzt, da ganze Glastürme leer stehen und die Ode an das Homeoffice gesungen wird. Die neue Zeit kommt alt daher und für Aufbrüche sind bald wieder Bahnhöfe zuständig.