München - Im Stadtrat von München tobt ein Sexismus-Streit. Es geht um die berühmte Julia-Statue vor dem Alten Rathaus der bayerischen Landeshauptstadt. Das Problem: Viele Einheimische und insbesondere auch Touristen reiben mit der Hand an der rechten Brust der Figur, weil dieses Ritual Glück in der Liebe bringen soll. Die begehrte Stelle sieht aufgrund des ständigen Anfassens schon ganz abgenutzt aus und glänzt golden in der Sonne. Ein harmloser Vorgang? In Zeiten von Gender-Debatten und allgemeiner Aufregung um Diskriminierungsfragen ist nichts so harmlos, wie es zunächst scheinen mag.        

Den Sexismus-Streit ins Rollen brachte die Münchner Stadträtin Marie Burneleit. Sie stellte einen Gender-Antrag mit dem Titel „Neue Statuen braucht das Land!“. Darin heißt es: „Aktuell können Münchnerinnen dort nur am Busen der Julia reiben, es fehlt für ein ausgeglichenes Geschlechterbild in der Genderhauptstadt natürlich direkt nebenan eine Statue mit dem männlichen Geschlecht zugeschriebenen Körperteilen.“ Diese neue Statue, so Burneleit, könne ausgestattet werden „mit bronzenem Penis oder Lendenschurz vielleicht, an dem sich Frauen zum Glück (in der Liebe) reiben können?“.   

dpa/Peter Kneffel
Das Berühren der Julia-Brust soll Glück in der Liebe bringen, so der Aberglaube.

Kulturreferent Biebl kündigt Untersuchung zum Brust-Streit an

Zum Sinn oder Unsinn dieses Antrags muss man wissen, dass Marie Burneleit für die Satire-Partei Die Partei im Münchner Stadtrat sitzt. Ihre Forderung nach einem Bronze-Penis könnte deshalb nicht ganz ernst gemeint gewesen sein. Hinzu kommt: Die Julia-Statue, ein Geschenk der Partnerstadt Verona, steht bereits seit 1974 am Marienplatz, ohne dass das Brust-Ritual jemals für einen größeren moralischen Aufschrei sorgte. Auch aus Verona, wo das Original und Vorbild der Münchner Julia-Statue steht, sind keine nennenswerten Skandale um die Figur bekannt. Gleichwohl: Münchens Kulturreferent Anton Biebl nimmt den Gender-Antrag, so berichten es mehrere Medien übereinstimmend, sehr ernst. Er habe eine Untersuchung des Sachverhalts angekündigt.  

Biebl interpretiert den Antrag der Stadträtin Burneleit demnach als „Kritik an der durch Besucher*innen und Einwohner*innen praktizierten Handlung, den Busen der benannten Statue zu berühren“. Mehr noch: Die Einschätzung, dass es hier ein Problem gebe, sei „völlig richtig“. Der bisherige Umgang mit der Julia-Statue sei „diskussionswürdig“. 

Paris: Männliche Statue mit großem Penis verspricht Fruchtbarkeit  

Braucht München also neben der Julia auch einen Romeo? Eine zweite Statue „mit bronzenem Penis oder Lendenschurz“, wie Stadträtin Burneleit in ihrem Antrag schreibt? Eine Weltneuheit wäre dies nicht. Auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise befinden sich – unweit des Grabes von Doors-Sänger Jim Morrison – auch das Grab und eine Statue des Journalisten Victor Noir. Der Unterleib der Statue wurde besonders großzügig gestaltet, weshalb sie sich zum Fruchtbarkeitssymbol entwickelte. Frauen mit Kinderwunsch küssen die Lippen der Statue, reiben über die Stelle zwischen den Beinen und legen dann eine Blume ans Grab.

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Der Abrieb ist klar zu erkennen: Frauen mit Kinderwunsch berühren den Unterleib der Victor-Noir-Figur in Paris. 

CSU und SPD erbost: „Vollkommen absurd, vollkommen gaga“

In München brauche man so etwas nicht, sind sich CSU und SPD einig. Den Gender-Antrag ernst zu nehmen, sei „vollkommen absurd, vollkommen überflüssig und vollkommen gaga“, sagte CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post hält das Thema für abwegig und sagte laut Bild-Zeitung: „Da geht's manchen noch zu gut. Das sind nicht die Sorgen und Nöte der Menschen.“ Berichten zufolge plant das Münchner Kulturreferat gleichwohl, zum „internationalen Diskurs um belastete Denkmäler“ ein Gesamtkonzept zahlreicher Sehenswürdigkeiten auszuarbeiten. Ist man hier etwa der Satire-Partei Die Partei auf den Leim gegangen? Oder hat die Wirklichkeit die Satire längst an Absurdität übertroffen?

München - Im Stadtrat von München tobt ein Sexismus-Streit. Es geht um die berühmte Julia-Statue vor dem Alten Rathaus der bayerischen Landeshauptstadt. Das Problem: Viele Einheimische und insbesondere auch Touristen reiben mit der Hand an der rechten Brust der Figur, weil dieses Ritual Glück in der Liebe bringen soll. Die begehrte Stelle sieht aufgrund des ständigen Anfassens schon ganz abgenutzt aus und glänzt golden in der Sonne. Ein harmloser Vorgang? In Zeiten von Gender-Debatten und allgemeiner Aufregung um Diskriminierungsfragen ist nichts so harmlos, wie es zunächst scheinen mag.        

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