Der Krieg in der Ukraine erreicht indirekt nun auch das Weltall. Konkret geht es darum, dass europäische Astronauten künftig mit eigenen Raketen und Raumkapseln ins Weltall gebracht werden sollen. Das sagte der Chef der Europäischen Weltraumorganisation ESA bei der derzeit in Berlin stattfindenden Luft- und Raumfahrtausstellung ILA (läuft noch bis Sonntag, den 26. Juni 2022). „Der Weltraum wird die nächste wirtschaftliche und politische Zone werden“, so ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher. Europa müsse hier „eine wichtige Rolle“ spielen. Dem Fachmagazin Flugrevue sagte Aschbacher: „Durch den Krieg in der Ukraine ist das Bewusstsein für Autonomie noch mehr in den Vordergrund gerückt.“

Der ESA-Astronaut Alexander Gerst sagte dazu, man wolle, „dass Europa einen unabhängigen Zugang zum All hat“. Bislang werden europäische Astronauten mit der russischen Sojus-Kapsel oder auch den Dragon-Crew-Raumkapseln des US-Unternehmens SpaceX von Elon Musk in den Weltraum, genauer zur Internationalen Raumstation ISS, gebracht. Astronaut Gerst: „Wenn wir unsere Forschung weiter betreiben wollen, müssen wir ein eigenes System aufbauen. Entweder wir zeigen Autonomie, oder wir sind raus.“ Das heiße nicht, dass Europa alles selbst machen müsse. Aber gerade „eigene astronautische Transportmöglichkeiten“ würden Europa als internationalen Partner attraktiv machen.

Das Thema eigener astronautischer Startkapazitäten ist nicht ganz neu auf der Agenda des ESA-Generaldirektors. Politisch sieht er nach Angaben der Flugrevue in Europa durchaus Unterstützung für die Idee, eigene Raketen und Kapseln zu bauen sowie den Startplatz in Kourou dafür anzupassen. Im Februar wurde beim Space Summit in Toulouse bereits beschlossen, hierfür eine Arbeitsgruppe zu gründen. Die Ergebnisse sollen dann im November 2023 beim nächsten Space Summit vorgestellt werden.

Unabhängig von der Thematik europäischer Unabhängigkeit teilte Aschbacher weiter mit, dass sich die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 weiter verzögert. „Grund dafür ist nicht ein großes Problem, vielmehr eine Reihe von kleineren Themen“, sagte Aschbacher laut Flugrevue. Sie werde wohl „erst im nächsten Jahr zum Erstflug“ abheben. Ein konkretes Datum wurde nicht genannt.