Bremen - Das Marineschulschiff „Gorch Fock“ ist nach fast sechs Jahren Generalüberholung erstmals wieder aus eigener Kraft auf Fahrt gegangen. Der Großsegler der Bundeswehr legte am Mittwoch bei der Bremer Lürssen-Werft ab. Die eigentlich für zwei Tage geplante Probefahrt auf der Weser und der Nordsee musste die „Gorch Fock“ allerdings wegen eines technisches Defekts vorzeitig beenden. Eigentlich sollte das Schiff erst am Donnerstag nach Wilhelmshaven kommen, um am dortigen Marinearsenal mit der Endausrüstung ausgestattet zu werden. Da sich der Schaden aber unterwegs auf See nicht beheben ließ, steuerte die „Gorch Fock“ schon am Mittwochabend den Hafen der Jadestadt an, wie die Lürssen-Werft am Abend mitteilte.

Kurz nach der Abfahrt musste die „Gorch Fock“ von Schleppern in Schlepp genommen werden. Die Besatzung hatte ein defektes Regelventil entdeckt, das für die Frischwasserversorgung des Antriebsdieselmotors sorgt. Um das Ventil während der Probefahrt zu wechseln, wurde die Maschine vorerst gestoppt und die begleitenden Schlepper übernahmen. „Werftprobefahrten wie die heutige dienen dazu, die Technik und das notwendige Zusammenspiel einzelner Bordkomponenten unter realen Bedingungen zu testen, Fehlerursachen zu lokalisieren und im Nachgang zu beheben“, teilte ein Werftsprecher mit.

Zunächst war geplant, die Fahrt nach der Reparatur aus eigener Kraft fortzusetzen. Noch am Mittwochabend stellte sich aber heraus, dass das Ventil nicht während der Fahrt ausgetauscht werden konnte. Die „Gorch Fock“ sollte daher im Lauf der Abendstunden, abhängig vom Tidenhub, in Wilhelmshaven einlaufen. Dort werde das defekte Bauteil dann im Rahmen der ohnehin geplanten Endausrüstung ausgetauscht werden, teilte der Werftsprecher mit. Am 30. September soll die Bundeswehr den Dreimaster offiziell zurückerhalten. In seinen Heimathafen Kiel soll das Schiff am 4. Oktober zurückkehren.

Zunächst war die Freude über das Auslaufen aus eigener Kraft bei den Beteiligten groß: „Wir sind unglaublich stolz darauf, dieses besondere Schiff nun auf die Zielgerade gebracht zu haben und in wenigen Wochen unserem Kunden zu übergeben“, sagte Lürssen-Geschäftsführer Tim Wagner. Auf beiden Weser-Ufern verfolgten Schaulustige die erste Fahrt des 63 Jahre alten Schiffes. „Wir freuen uns auf die erste Seefahrt im Rahmen der Werftprobefahrt und die ersten richtigen Eindrücke auf dem „neuen“ Schiff“, sagte Kapitän Nils Brandt.

2015 wurden bei Überprüfung der „Gorch Fock“ schwere Schäden festgestellt

Die „Gorch Fock“ ist das Segelschulschiff der deutschen Marine und dient der Offiziersausbildung. Bei einer Überprüfung wurden an dem traditionsreichen Schiff Ende 2015 schwere Schäden festgestellt, die eine aufwendige Sanierung erforderten. Die Generalüberholung sorgte vor allem wegen drastischer Kostensteigerungen politisch für Wirbel. Ursprünglich waren zehn Millionen Euro vereinbart worden, der „Kostenrahmen“ stieg jedoch auf 135 Millionen Euro.

Dazu kamen weitere Schwierigkeiten und massive Verzögerungen. So ermittelt die Justiz wegen Korruptions- und Untreueverdachts rund um die Sanierungsarbeiten durch die ursprünglich damit beauftragte Werft. Diese ging insolvent, die Instandsetzung der „Gorch Fock“ kam zeitweise zum Erliegen. Die Lürssen-Werft übernahm das insolvente Unternehmen im niedersächsischen Elsfleth 2019. Zugleich einigten sich Werft und Verteidigungsministerium darauf, dass Lürssen die Sanierung der „Gorch Fock“ übernimmt.

„Instandsetzung unter schwierigen Vorzeichen“

Das Schiff wurde anschließend zu Lürssen-Standorten nach Bremen verlegt. Wie das Unternehmen mitteilte, arbeiteten dort mehr als 150 Beschäftigte an dem Projekt. Geschäftsführer Wagner sprach am Mittwoch von einer „Instandsetzung unter schwierigen Vorzeichen“.

Anfangs habe es „unvollständige Bauunterlagen“ gegeben, später dann „zahlreiche notwendige Änderungen an den schiffbaulichen Arbeiten“. Dazu seien auch noch durch die Corona-Pandemie bedingte Personalausfälle und Lieferverzögerungen gekommen.