Großbritannien will Corona-Politik der Regierung aufarbeiten

In Großbritannien starben weitaus mehr Menschen an Corona als in Deutschland. Dennoch gab es schon früh einen „Freedom Day“. Nun soll abgerechnet werden.

Die Corona-Politik des früheren britischen Premiers Boris Johnson befindet sich auf dem Prüfstand.
Die Corona-Politik des früheren britischen Premiers Boris Johnson befindet sich auf dem Prüfstand.AFP/Adrian Dennis

In London hat die systematische Aufarbeitung der britischen Corona-Politik begonnen. „Die Untersuchung wird beleuchten, wie wir auf die Pandemie vorbereitet waren und darauf reagiert haben“, sagte die Vorsitzende der zuständigen Kommission, Heather Hallett, bei der ersten Sitzung am Montag in London. Es solle geklärt werden, ob die hohe Zahl an Opfern vermeidbar gewesen sei. Nach offiziellen Angaben wurde allein in England bislang bei mehr als 170.000 Gestorbenen Covid-19 auf dem Totenschein vermerkt.

Bei der Untersuchung, die Angehörige von Corona-Toten bereits seit langem gefordert hatten, sollen zahlreiche Zeugen befragt werden und die Öffentlichkeit die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Der frühere Premierminister Boris Johnson, der für seinen anfänglich verharmlosenden Umgang mit der Pandemie stark in der Kritik stand, hatte die Untersuchung zunächst auf die lange Bank geschoben.

Aufarbeitung auch in Deutschland Thema

Hallett versprach, dass sich die Aufarbeitung trotz des enormen Ausmaßes „nicht Jahrzehnte hinziehen“ solle. Ziel sei es, Empfehlungen auszusprechen, „bevor eine weitere Katastrophe das Vereinigte Königreich trifft“. Direkte rechtliche Folgen haben öffentliche Untersuchungen dieser Art in Großbritannien nicht.

Auch in Deutschland wurden in den vergangenen Monaten vermehrt Forderungen nach einer Aufarbeitung der Corona-Politik der Ampel laut. Dabei ging es jedoch zumeist um die Frage, ob von der Regierung verhängte Maßnahmen womöglich zu streng gewesen sein könnten. So hatte unter anderem FDP-Vize Wolfgang Kubicki eine parlamentarische Aufarbeitung gefordert. Die zuletzt beschlossenen und ab dem 1. Oktober gültige Maßnahmen – an denen auch Kubickis Parteikollege Marco Buschmann wesentlich beteiligt gewesen ist – gelten laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu den strengsten Auflagen in Europa.