Berlin - Die Grünen wollen ihren Bundestagswahlkampf aufarbeiten, nachdem sie im Ergebnis hinter den Umfragen geblieben sind. „Es war nicht der Wahlkampf, den ich geführt haben wollte“, sagte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner am Samstag in Berlin beim kleinen Parteitag seiner Partei. Die Analyse solle mit externer Hilfe geschehen. Nach einem „fulminanten Start“ sei es nicht gelungen, das Momentum zu halten. „14,8 Prozent ist zwar ein Rekord für uns, aber es war mehr drin“, sagte Kellner, der auch Wahlkampfmanager der Grünen war.

Die Grünen-Chefin und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, deren Buch wegen Plagiatsvorwürfen den Wahlkampf belastet hatte, wurde von den etwa hundert Delegierten gleichwohl mit großem Jubel empfangen. Baerbock betonte, die Grünen seien von sieben Millionen Menschen gewählt worden, darunter viele Junge. Es gebe einen Auftrag, als Teil der Regierung für eine wirkliche Erneuerung des Landes zu sorgen.

Mitglieder sollen erstmals über Koalitionsvertrag abstimmen

Die Grünen wollen ihre rund 120.000 Mitglieder über einen möglichen Koalitionsvertrag und ihre personelle Aufstellung in einer neuen Bundesregierung abstimmen lassen. Einen entsprechenden Antrag des Parteivorstands beschlossen die Delegierten bei nur einer Enthaltung.

Es wäre das erste Mal in der Geschichte der Grünen, dass es eine Urabstimmung über einen Koalitionsvertrag auf Bundesebene gibt. Bei ihren ersten beiden Regierungsbündnissen mit der SPD 1998 und 2002 stimmten noch Parteitage über die Koalitionsverträge ab. Auf Länderebene hat es solche Mitgliederentscheide aber schon gegeben.

Baerbock: „Veränderung braucht Verlässlichkeit, Verantwortung“

„Wir haben in Deutschland erst einmal mitregiert“, sagte Baerbock im Rückblick auf die beiden rot-grünen Koalitionen unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder von 1998 bis 2005. Anders als damals, als ihre Partei nur ein kleiner Partner gewesen sei, wollten die Grünen in der nächsten Regierung für einen großen Aufbruch und gesellschaftliche Erneuerung sorgen.

Die Gespräche zur Bildung einer neuen Regierung, die zwischen Grünen und FDP bereits gestartet sind, müssten auch weiterhin vertraulich geführt werden, sagte Baerbock. „2017 darf sich nicht wiederholen.“ Die letztlich gescheiterten Gespräche zur Bildung einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen waren damals von zahlreichen Indiskretionen belastet worden. „Veränderung braucht Verlässlichkeit, Verantwortung.“

Grünen-Spitze schwört Partei auf schwierigen Prozess der Regierungsbildung ein

Die Grünen müssten „offen“ in die anstehenden Gespräche gehen, „so wie wir diese Partei in den vergangenen Jahren offen geführt haben“, sagte Baerbock. „Das heißt, dass es manchmal auch kompliziert wird.“

„Das Ganze ist komplex“, so Baerbock. „Eine Dreier-Konstellation hat es in diesem Land noch nicht gegeben.“ Nach der Bundestagswahl präferieren die Grünen eine Ampel-Koalition mit SPD und FDP, rechnerisch möglich wäre aber auch ein Jamaika-Bündnis unter Führung der Union. Maßstab für die Gespräche sei der „klarer Aufbruch“ für Klimaschutz, eine liberale Gesellschaft und „echten sozialen Zusammenhalt“.

Ko-Parteichef Robert Habeck räumte auf dem Länderrat ein, die Arbeit in einer künftigen Regierung werde nicht ohne Debatten, Zumutungen und Anstrengungen vonstatten gehen. „Das wird anstrengend sein, das wird uns fordern.“ Er sagte aber auch: „Wenn wir uns nicht komplett dämlich anstellen, werden wir in den nächsten vier Jahren diese Regierung nicht nur mittragen, sondern maßgeblich mitbestimmen.“