„Wir haben es satt“: Tausende Demonstranten ziehen mit Traktor-Konvoi durch Berlin 

Zur Grünen Woche ist Ernährung auch politisch: Parallel zur großen Branchenmesse machen viele für eine Agrarwende mobil. Tausende demonstrieren in Berlin.

„Wir haben es satt“-Demonstration in Berlin.
„Wir haben es satt“-Demonstration in Berlin.imago/Andreas Friedrichs

Mehrere Tausend Menschen haben zur Agrarmesse Grüne Woche in Berlin für mehr Tier- und Klimaschutz in der Landwirtschaft demonstriert. Der Protestzug mit dem Motto „Wir haben es satt“ und 55 Traktoren führte am Samstag zum Brandenburger Tor. Die Forderungen zielten etwa auf das Ende von Riesenställen und einen Stopp des Insektensterbens. 

Um 12 Uhr startete eine Auftaktkundgebung am Brandenburger Tor, danach zog der Protestzug, angeführt von einem Traktoren-Konvoi, durch das Regierungsviertel. Die Veranstalter sprachen am Nachmittag auf Twitter von 10.000 erschienenen Teilnehmern, so viele waren auch angemeldet gewesen. Nach Angaben der Polizei nahmen gut 7000 Männer und Frauen teil. Die Demonstration sei friedlich verlaufen. Landwirte überreichten auch eine Protestnote an Özdemir, der dafür aus der Konferenz herauskam.

Bei der Demo hieß es auf Transparenten und Schildern: „Insekten schützen“ oder „Agrarindustrie Tötet!“ Auf einer Schweinefigur, die über die Straße gezogen wurde, stand: „Massentierhaltung braucht kein Schwein.“

Das Bündnis „Wir haben es satt“ fordert eine sozial gerechte Agrar- und Ernährungswende, das Motto lautet: „Gutes Essen für alle – statt Profite für wenige“. Ihm gehören nach eigenen Angaben rund 60 Organisationen aus Landwirtschaft und Gesellschaft an. Das Bündnis fordert unter anderem faire Erzeugerpreise, Sozialleistungen, die ökologischen Konsum möglich machen, und mehr Ackerflächen für den Anbau menschlicher Nahrung statt für Futter.  

Auf Agrar-Demo: Landwirte überreichen Cem Özdemir Protestnote

Die angereisten Landwirte überreichten Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) eine bäuerliche Protestnote. „Wir erwarten deutlich mehr von Agrarminister Özdemir und der Bundesregierung“, sagte Bündnis-Sprecherin Inka Lange mit Blick auf ein Jahr Agrar- und Ernährungspolitik der Koalition von SPD, Grünen und FDP. 

„Wir haben es satt“-Demonstration mit Bundesagrarminister Cem Özdemir
„Wir haben es satt“-Demonstration mit Bundesagrarminister Cem Özdemirimago/Andreas Friedrichs

Özdemir nannte es „ein gutes Zeichen“, dass viele Forderungspunkte der Demonstration mit der Deklaration der parallel in Berlin tagenden Agrarminister übereinstimmten. In einer Erklärung unterstrichen die Regierungsvertreter aus 64 Ländern das Ziel eines stärkeren Kampfes gegen den Hunger in der verschärften Lage wegen des Ukraine-Kriegs. Nötig seien praxistaugliche Lösungen und mehr Unterstützung besonders für Kleinbauern, sagte Özdemir. Für das global vereinbarte Ziel, den Hunger in der Welt bis 2030 zu beenden, gebe es nur noch acht Ernten.

Özdemir ruft zu mehr Engagement für Ernährungssicherung in Afrika auf

Özdemir sagte, gerade seien angesichts des Ukraine-Krieges und der Klimakrise so viele Menschen gleichzeitig von Hunger betroffen wie nie zuvor. Rund 800 Millionen Menschen hungerten, zwei Milliarden Menschen hätten keinen dauerhaft gesicherten Zugang zu Nahrung. Dabei könne Landwirtschaft nur erfolgreich zur Ernährungssicherung beitragen, wenn sie zugleich den Planeten erhalte. Auch Länder des globalen Südens hätten ein Recht auf gesunde Ökosysteme.

Der Minister betonte, Deutschland und die EU müssten im Kampf gegen den Hunger in Afrika endlich präsenter sein. „Wir dürfen das Feld nicht den autoritären Staaten überlassen, die dort aktiv sind und durch ihre Investitionen versuchen, neue Abhängigkeiten zu schaffen.“ Die Bundesregierung vereinbarte dazu mit der Afrikanischen Union eine „Zukunftspartnerschaft“, um Ernährungssysteme krisenfester zu machen.

Özdemir: „Getreidesilos bauen, statt Getreidesäcke schicken“

Zentral sei ein Wissenstransfer. Know-how etwa zum Pflanzenschutz gehöre nach Afrika und „nicht primär in die Konzernzentralen, die damit natürlich Geld verdienen wollen“. Um Verluste nach der Ernte von bis zu 50 Prozent zu vermeiden, brauche es Lagermöglichkeiten, Logistik und Verarbeitungskapazitäten. Özdemir übte auch Selbstkritik am europäischen Kurs. Man müsse sich fragen, ob Agrarexporte Krisen verstärkten und Abhängigkeiten förderten – indem sie Perspektiven für afrikanische Märkte etwa für Geflügel und Milch vernichteten. Man müsse von „Krisenhopping“ wegkommen. „Getreidesilos bauen, statt Getreidesäcke schicken – darum muss es gehen“, sagte er.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unterstrich in einer Videobotschaft bei der Konferenz, dass sein Land trotz des russischen Angriffskriegs weiter Lebensmittel für die Welt bereit stellen wolle. Trotz russischer Raketenangriffe auf die Infrastruktur und brutaler Kämpfe in Regionen, die extrem wichtig für die Landwirtschaft seien, bestellten die Bauern weiter die Felder. Er beklagte anhaltende Behinderungen von Exporten per Schiff durch russische Vertreter.

Bis zum 29. Januar präsentieren rund 1400 Aussteller aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ihre Produkte bei der Grünen Woche in den Berliner Messehallen. Zugleich ist das Branchentreffen ein wichtiger Ort für den politischen Austausch über die Zukunft der Landwirtschaft.