Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben in Haiti ist die Zahl der Todesopfer gestiegen. Nun drohen heftige Regenfälle und Sturm auch noch die verzweifelte Suche nach Überlebenden zu erschweren. 1297 Tote meldete der Zivilschutz des Landes auf Twitter am Sonntagabend (Ortszeit). Befürchtet wird eine noch höhere Zahl, weil Tausende Gebäude zerstört wurden. Menschen wurden unter eingestürzten Wohnhäusern, Hotels, Schulen, Kirchen begraben. Bergungsarbeiten und Hilfsmaßnahmen sind angelaufen. 

Die nächste Gefahr steht möglicherweise bereits bevor: Das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami stufte Tropensturm „Grace“, der sich Haiti näherte, zwar herab. Es sagte aber heftigen Regen für die Dominikanische Republik und Haiti am Montag vorher, was die Rettungsarbeiten weiter beeinträchtigen könnte. Heftige Regenfälle und Wind könnten die Situation in dem vom Erdbeben betroffenen Gebiet noch verschlimmern. Beschädigte Häuser könnten endgültig einstürzen. Außerdem würden derartige Wetterbedingungen die Rettungsmaßnahmen massiv behindern.

Die US-Behörde USGS gab die Stärke des Erdbebens mit 7,2 an. Die Behörden gaben am Sonnabend eine Tsunami-Warnung heraus, die dann wieder aufgehoben wurde. Das erste Beben ereignete sich nach offiziellen Angaben etwa 125 Kilometer westlich der Hauptstadt Port-au-Prince in einer Tiefe von rund zehn Kilometern.

Die USGS rief mit Blick auf mögliche Todesopfer die Alarmstufe Rot aus: Das bedeutet, dass eine hohe Opferzahl möglich ist. Mehrere Nachbeben erschütterten die Region. Nach Angaben der USGS bebte die Erde am Samstag noch mehrfach mit Stärken von bis zu 5,2.

AP/Delot Jean
Les Cayes: Trümmer eines Gebäudes, das bei einem Erdbeben beschädigt wurde, bedecken ein Auto und Teile der Straße. 

Krankenhäuser im Departement Nippes überlastet

Ein Augenzeuge aus Les Cayes im Südwesten, einer der größten Städte des Landes, berichtete Haiti Press Network von eingestürzten Häusern und Hotels und dass Menschen unter den Trümmern begraben wurden. Bewohner des Departments Nippes, in dem das Epizentrum des Bebens lag, sendeten laut Gazette einen SOS-Ruf an die Behörden, weil die Krankenhäuser überlastet seien.

Regierungschef Henry ordnete einen einmonatigen Ausnahmezustand an. Er rief die Bevölkerung auf, nicht in Panik zu verfallen und sich mit den Opfern solidarisch zu zeigen. Henry kündigte an, in den kommenden Stunden die am schwersten betroffenen Orte zu besuchen und sich dort selbst ein Bild von der Lage zu verschaffen.

Die USA stellten Haiti schnelle Hilfe in Aussicht. „Unsere Experten sind bereits vor Ort, um Schäden und Bedürfnisse zu bewerten“, schrieb die Leiterin der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe USAID, Samantha Powers, am Samstag auf Twitter. Man wolle nun schnell reagieren. US-Präsident Joe Biden sei über die Situation in Haiti informiert worden und habe darum gebeten, dass USAID die US-Reaktion koordiniere.

Die Landesdirektorin der Welthungerhilfe für Haiti, Annalisa Lombardo, sagte der Deutschen Presse-Agentur, man versuche in Erfahrung zu bringen, wie viele Menschen betroffen seien. Es sei klar, dass es erhebliche Schäden an Gebäuden gebe. In der Hauptstadt Port-au-Prince, wo Lombardo sich aufhielt, hätten zwar die Wände ihres Hauses stark gewackelt. Größere Schäden habe das Erdbeben in der Hauptstadt aber wohl nicht angerichtet.

Lombardo rechnete damit, dass es bei der Versorgung von Opfern auch Probleme wegen der Infrastruktur geben wird. Der Weg aus Port-au-Prince führe durch eine Gegend, die von Gangs kontrolliert werde. Diese würden auf vorbeifahrende Autos schießen. Offenbar sei auch eine Brücke beschädigt worden, die zur Versorgung der Menschen gebraucht werde.

2010 verwüstete bereits ein Erdbeben Teile Haitis

Teile Haitis waren bereits im Jahr 2010 von einem schweren Erdbeben verwüstet worden. Im Zentrum des Bebens lag damals Haitis dicht besiedelte Hauptstadt Port-au-Prince. Durch das Beben starben rund 222.000 Menschen, über 300.000 wurden verletzt. Mehr als eine Million Menschen verloren ihr Zuhause. Die Schäden wurden auf 8 Milliarden US-Dollar (6,2 Milliarden Euro) geschätzt. Der Wiederaufbau kam auch durch die politische Instabilität nur schleppend in Gang.

Im Juli war Haitis Präsident Jovenel Moïse ermordet worden. Er wurde in seiner Residenz von einer schwer bewaffneten Kommandotruppe überfallen und erschossen.