Berlin - Harald Schmidt sieht sich selbst als „Interview-Künstler“. Vor Augen hat man das Bild des Fragenstellers, des wachen, spitzzüngigen TV-Entertainers. Dass er auch die andere Seite kann, seine Antworten mindestens genauso provokant und gewitzt sind wie seine Fragen, zeigen Gespräche mit Günter Gaus oder André Müller. Nun hat Schmidt, inzwischen Privatier, der NZZ ein langes Interview gegeben. Es geht um Corona, Leo Kirch und Haim Saban, um Saskia Eskens rote Blazer und die Frage, warum er sich Fernsehen finanziell nicht mehr leisten kann. 

„Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen“

Googelt man Harald Schmidt, lauten die ersten drei Schlagzeilen: Harald Schmidt ungeimpft? Alle beziehen sich auf das NZZ-Interview, in dem Schmidt seinen Impfstatus nur indirekt preisgibt. Normalerweise fänden Gespräche mit dem Entertainer immer im Kölner Excelsior-Hotel Ernst statt, so der Einstieg des Journalisten. Dass man nun mit den Räumlichkeiten des Berliner Büros der NZZ vorlieb nehmen müsse, liege daran, dass Schmidt weder geimpft noch genesen sei. Daraufhin Schmidt: „Das behaupten Sie einfach so, und ich lasse das mal so stehen.“ Mittlerweile habe er sich eine „Olaf Scholz-Formulierung“ überlegt: „Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.“ Ob Schmidt damit rechnet, sich demnächst mit Omikron zu infizieren oder sich auf einem „guten Weg“ ins nächste Impfzentrum befindet, bleibt offen. 

„Who exactly is Guntärrr Jauch?“

Schmidt war im Öffentlich-Rechtlichen (ARD, Late-Night-Show) ebenso zu sehen wie im Privatfernsehen (Sat. 1, Harald Schmidt-Show). Er wechselte hin und her, kehrte am Ende seiner Karriere nochmal zur ARD zurück. Die Unterschiede, die er dabei erlebt habe, erklärt Schmidt so: Wenn man von Leo Kirch engagiert wird, würden zwei Fragen gestellt: 1. Wollen Sie zu uns kommen?, 2. Wann? Bei der ARD hingegen säßen vier Entscheidungsträger, die nichts zu entscheiden hätten. Dann käme ein Fünfter dazu, der nicht entscheiden könne. Kirch-Nachfolger Haim Saban habe erstmal alle Chefs gefeuert, seine eigenen Leute eingesetzt und Schmidt nur eine Frage gestellt: „Who exactly is Guntärrr Jauch?“ Seine Antwort: „The biggest star in German Television“.

Den Fernseh-Redakteuren habe er immer das Gefühl vermittelt, Zuschauer seien etwas für die (breite) Masse. Seine Show dagegen ist etwas Größeres, „was weit, weit ins nächste Jahrtausend reicht“.  Wenn das irgendwann bei einem Sender nicht mehr funktionierte, sei er mit seinem Team weitergezogen. Und irgendwann sei Schluss gewesen. Schmidt über Schmidt: „Ich habe nie Quoten geliefert, immer nur Qualität.“ 

„Ich bin nicht auf ein Virus festgelegt“

Eigentlich habe man im Zuge des Interviews auch ein Video produzieren wollen, dass dann auf dem YouTube-Kanal der NZZ erschienen wäre. Leider aber, erklärt der Journalist, sei der Produzent positiv getestet worden. Schmidt daraufhin: „Aids?“ Es war Corona. Schmidt sei eben an der Charité vorbei gefahren und insofern „nicht auf ein Virus festgelegt“. Er beruft sich auf den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq: Das Langweilige an Corona sei, dass es nicht einmal sexuell übertragen werde. 

Zu Olaf Scholz sei Schmidt nicht viel eingefallen. Das könnte daran liegen, dass er politisches Personal ohnehin„ vor allem unter Fashion-Gesichtspunkten“ betrachte. Die Fashionqueen (und damit auch sein Idol) sei Saskia Esken, die Co-Vorsitzende der SPD: Ihre roten Blazer seien ihm vertraut. Die gebe es in den Outlets in Metzingen, Schmitt stamme aus der Nähe: „Dort kauft man solche Jacken im Zehnerpack, weil man dann noch eine umsonst kriegt.“

Nach diesem Interview könnte man sich zur Aussage hinreißen lassen, dass Harald Schmidt hier noch scharfzüngiger, noch humorvoller, noch genialer auftritt als im Gespräch mit Gaus oder Müller. Vielleicht würde Schmidt das sogar selbst bestätigen. Denn bei Gaus habe er nach eigener Aussage den Fehler gemacht, auf der Gaus-Ebene mithalten zu wollen. Das würde er heute anders machen, indem er Gaus zu sich herunterzieht. So weit wäre das gar nicht.