Sollte Russland in der Ukraine den Krieg verlieren, könnte Wladimir Putin sich auf seinen eigenen Tod eingestellt haben. Dieser Ansicht ist Politikwissenschaftler Graham Allison von der Harvard-Universität. Gegenüber dem Spiegel beteuert er: „Ich glaube, er (Putin, Anm. der Redaktion) geht zu Recht davon aus, dass er im Fall einer eindeutigen Niederlage die Macht und wahrscheinlich auch sein Leben verlieren wird.“

Dieses Szenario mache den Kremlchef allerdings zu einem noch gefährlicheren Kriegstreiber, so Allison. „Wenn er gezwungen ist, zwischen dieser Niederlage und einer Eskalation der Gewalt und Zerstörung zu wählen, dann wird er sich – meiner Einschätzung nach – als rationaler Akteur für Letzteres entscheiden“, befürchtet der Harvard-Wissenschaftler. Die mögliche Folge sei eine nukleare Eskalation: der Einsatz einer taktischen Atombombe. Allison ist überzeugt, dass die Nato darauf mit einem Angriff auf die russischen Abschussbasen reagieren müsse.

Allison formuliert vier Ziele für den Westen

Um dieses atomare Schreckensszenario zu verhindern, bleibe dem Westen nur der Verhandlungsweg. „Der Umgang mit furchtbaren Anführern, ja mit Massenmördern ist leider Teil der Geschichte der internationalen Beziehungen“, so Allison. Seiner These nach, müsse man Russland ein Angebot machen, aus dem sich Putin ein eigenes Erfolgsnarrativ basteln könne. „Zum Beispiel: Ich habe unsere Kontrolle über den Donbass konsolidiert. Wir haben jetzt eine Landbrücke zur Krim. Die Ukraine wird 15 Jahre lang kein Mitglied der Nato sein“, erklärte Allison.

Der Politologe ist überzeugt, dass der Westen nun vier Ziele verfolgen müsse: Die Ukraine müsse erstens womöglich mit Gebietsverlusten als unabhängiges Land bestehen bleiben. Zweitens müsse ein dritter Weltkrieg verhindert werden und Putin zugleich entscheidend geschwächt. Das vierte Ziel sei die Stärkung der globalen Sicherheitsordnung.